Rückblick und Vorausschau oder Prost Neujahr!

Die Notwendigkeit zu zwanghaften kollektiven Feierritualen hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Alt genug dafür bin ich inzwischen, um auf eine längere Wegstrecke zurückzublicken. selten bin ich jedoch Menschen begegnet, die keinen Sinn darin erblicken, Weihnachten unterm festlich geschmückten Tannenbaum zu verbringen. Möglichst im engen Familienkreis. Obwohl der Austausch von Geschenken in der Regel den erhofften Erfolg verfehlt. Und spätestens beim Auspacken die Enttäuschung darüber groß ist. Dann handelt es sich darum, zu vermeiden, sich was davon anmerken zu lassen. Mit dem Ergebnis, dass der Einzelhandel nach Weihnachten im Umtauschfieber brummt.

Das Bedürfnis andere zu beschenken ist mir nicht fremd. Doch werde ich mich nie daran gewöhnen, sich auf offizielle Anlässe zu beschränken. Im Alter von zehn Jahren war ich stolz auf eine sehr gute Note für einen abgelieferten Aufsatz, der sich kritisch mit dem Weihnachtskonsum auseinandersetzte. Besonders viel Aufmerksamkeit habe ich nicht dafür gefunden. Aber vielleicht teilen ja diejenigen Zeitgenossen meine Einstellung, die sich dem Weihnachtsrummel mit Ferien an fernen Gestaden entziehen?

Mein Verdacht besteht aber darin, auch noch unter Palmen am Strand von Weihnachten im Schnee zu träumen weil sie lautes Schlittengeläut vermissen. Obgleich statistische Erhebungen besagen, dass nur in 13 von 50 Jahren Weihnachten im Schnee versinkt. Was jedoch keinen daran hindert, die Ausnahme zur Regel zu erheben. Mir macht es dagegen Spaß, Freunde zum Essen einzuladen. Wovon ich mich auch Weihnachten nicht abhalten lasse. Was nicht die Voraussetzung dafür ist, einen solchen Abend bei einer angenehmen Mahlzeit zu genießen. Ohne Geschenke. Ohne Streit und enttäuschte Erwartungen. Sondern in angenehmer Atmosphäre und mit viel Redestoff und Diskussionsbedarf.

Wenig Verständnis kann ich dagegen der Idee von Silvester als überschäumendem, laut krachenden Abschied vom alten Jahr abgewinnen. Als rauschende Ballnacht. Oder eingezwängt in die Enge der Feiermeile am Brandenburger Tor. Andere wiederum verausgaben sich beim heimischen Bleigießen. Einer meiner Facebook-Freunde hat zu Neujahr ein merkwürdig formloses Gebilde gepostet. Weil er der Meinung war, einen Schiffsrumpf darin zu erblicken. Ihm möglicherweise die Aussicht auf eine ihn im kommenden Jahr erwartende Schiffsreise eröffnend. Als Anregung dazu nicht schlecht, aber nicht echt.

Kartenlegen, Horoskope – überhaupt den ganzen Rummel darum, der unbekannten Zukunft wenigstens einen Funken Gewissheit abzuringen, ist nicht mein Ding. Es kommt wie es kommt. Und irgendwann ist dann damit Schluss. Gute Vorsätze, die unser Leben pflastern, haben keinen Einfluss darauf. Weniger Essen, Rauchen, Saufen – bleiben in der Regel auf der Strecke. Genau wie der Wille zu sportlicher Ertüchtigung. Eine Binsenweisheit besagt, dass die Fitnessstudios im Januar aus allen Nähten platzen. Während bereits im Februar wieder gähnende Leere herrscht. Ich dagegen halte mich seit vierzig Jahren mit täglich zwanzig Minuten Morgengymnastik fit. An mir hat noch kein Fitnesstempel eine müde Mark, respektive einen Euro verdient. Manchmal gehe ich in Saunen oder zum Schwimmen in das Charlottenburger Stadtbad in der Krummestraße. Gelegentlich begegne ich dort einem türkischen Zeitgenossen. Dessen Aufenthalt in diesen Hallen sich in der Regel in dem unter der Brause erschöpft. Und das in einem ganz gewöhnlichen Familienbad. Welches sich nicht für solchen Sport empfiehlt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zuletzt.

Diesen Eindruck hatte ich auch im Fall eines persönlichen Freundes , den im Alter von 85 Jahren ein Schlaganfall und Herzkasper aus der Bahn warf. Beides hat er halbwegs überstanden. Was er zum Anlass nahm, sich auf seine alten Tage noch mal zu täglichen gymnastischen Übungen zu entschließen. Bei denen ich ihn vergeblich unterstützte. Weil das Ergebnis eher mager bis negativ war. Mit seinen schon arg morschen Knochen. Das hätte er sich schon einige Jahre früher überlegen sollen. Zuletzt kam er nicht umhin, sich mit der Endlichkeit seiner Existenz abzufinden und mit der von seinem gerichtlich bestellten Betreuer veranlassten Einweisung in eine Pflegeeinrichtung traditionellen Zuschnitts. Als einziger Mann, schwul, unter lauter ihn mehr oder weniger bekiuckenden Frauen, alle hochbetagt. Was ebenso wenig seinem Geschmack entsprach wie Renteneinkünfte auf Hartz IV-Niveau. Tragisch war, dass alle seine der Altersvorsorge dienenden Fonds mit der Finanzkrise den Bach runter waren.

Zum 85. Geburtstag glich sein Zimmer noch einem Blumenmeer. Im folgenden Jahr bis zu seinem Tod haben sich jedoch immer weniger Angehörige seines Freundeskreises draußen im Märkischen Viertel blicken lassen. Aus Anlass seines Todes hat seine persönliche Pflegekraft bestätigt, sich bewusst vom Leben verabschiedet zu haben, weil es keine Überraschungen mehr in sich barg und alle Erwartungen sich erschöpft hatten. Verglichen damit darf ich mich, unverdient, glücklich schätzen, noch um einige Jahre von seinem biblischen Alter entfernt zu sein. Und darüber, im Herzen Charlottenburgs untergebracht zu sein. Dank zentraler und verkehrsgünstiger Lage. Unterm Dach des Lebensort Vielfalt, einem Mehrgenerationenwohnprojekt der Schwulenberatung Berlin.

Mit den Mitgliedern meiner schwulen WG in einem Zeitraum von mehr als  dreißig Jahren habe ich dagegen kaum noch Kontakt. Seit ihrer Einladung zum Essen nach meinem Einzug vor zweieinhalb Jahren haben sie sich nicht mehr blicken lassen. Überwiegend mit sich selbst und ihren Projekten beschäftigt. Was ja auch nicht zu verachten ist. Einmal war ich noch zum Kaffee da. Anlässlich eines Zahnarztbesuchs in der Nachbarschaft. Wobei es kaum noch was zu sagen gab, weil alles gesagt und dem nichts weiter hinzuzufügen war.

Mich an den Kontakt und Umgang mit meinen Eltern erinnernd. Und daran, sich mit ihren über neunzig Jahren vorzugsweise in den Niederungen täglichen Zoffs bewegt zu haben. Als ihrem Lebenselixier und sie verbindendem Kitt. Angenehme Erinnerungen verbinde ich dagegen mit meiner mit ihren 92 Jahre an Demenz erkrankten Mutter. Ein Erkennen und die Freude über das Wiedersehen waren noch gegeben. Alles andere dagegen war auf der Strecke geblieben: Stress, Nichtakzeptanz meiner Lebensweise, die lebenslange Intoleranz allem Fremden gegenüber. Erst beim Tod seiner Gattin war mein Vater in der Lage, darauf aufmerksam zu machen, nur aus Rücksichtnahme auf ihre Gefühle vermieden zu haben, mein Leben in Berlin zum Thema zu machen.

Bis vor einigen Jahren hatte ich noch Kontakt mit einem Jugendfreund und Lover – im Alter von 17 Jahren mit ihm liiert. Im Hinblick auf ihn überwiegt der Eindruck, dass sich seine Entscheidung zur heterosexuellen Ehe und zur lebenslangen Aufrechterhaltung der Fassade der Normalität nicht ausgezahlt hat. Leidtragende war u.a. er selbst, aber auch die heterosexuelle Gattin. Dank mit den Jahren zunehmender Vorliebe für Schokolade und unaufhaltsamer Gewichtszunahme. Und das Fremdgehen seines Lovers nach 16 Jahren Partnerschaft hat er zum Anlass genommen, mit dem Gedanken an eine Trennung zu spielen. Er, der selbst nie was hat anbrennen lassen, wenn es sich darum handelte, sich nach jeder Blume zu bücken und sie zu pflücken. Ein Hinweis darauf hat genügt, damit seitdem Funkstille zwischen uns herrscht. Jetzt vermisse ich die Gelegenheit zur Teilnahme an dörflichen Kirchweihfesten und Karaoke-Abenden. Bei dem zwei Schwule im Alter von Siebzehn Jahren den Sieg davongetragen haben. Mit Marianne Rosenbergs Song „Er gehört zu mir“. Woraufhin sie es sich nicht nehmen ließen, sich auf der Bühne Hand in Hand für den lautstarken Beifall zu bedanken. Nur mein Jugendfreund und Ex-Lover nahm Anstoß daran: „Müssen sich Schwule denn dauernd derart in der Öffentlichkeit aufspielen? Dann wundern sie sich, dass man nichts von uns wissen will!“

Doch auch auf dem Land tut sich inzwischen was Im Rahmen gesellschaftlichen Fortschritts. Der in unterschiedlicher Geschwindigkeit unterwegs ist. Manchmal als Schnecke. Für andere dagegen viel zu rasch. Für meinen Freund dagegen tut es mit leid, nicht mehr im erhofften Umfang in der Lage zu sein, seinen Altersruhestand zu genießen. Seit einem Bandscheibenvorfall und dank erheblicher Knieprobleme außerstande, es noch mal so richtig krachen zu lassen. Was auch zum Jahreswechsel kein schlechter Vorsatz ist. Wohl dem, der noch dazu in der Lage ist.

Die letzte Erinnerung an meine Mutter besteht darin, mich bei einem Besuch ohne Groll und verletzte Gefühle umarmt zu haben. Bei früheren Gelegenheiten hat sie es sich nicht nehmen lassen, sich immer dann, wenn mein Leben in Berlin Gesprächsthema war, zum Abwasch in ihre Küche zu verziehen. Beim letzten Besuch hat sie es sich dagegen nicht nehmen lassen, mir einen Kaffee zu kochen. Darauf beschränkt, eine Flasche Saft in einem Topf auf dem Herd ihrer Küche zu erhitzen um diesen daraufhin in zwei Tassen zu füllen. Begleitet von der verständnislosen Frage danach: „Findest du nicht auch, dass der Kaffee merkwürdig schmeckt. Und ich weiß nicht, woran das liegt!“ Ich hoffe sehr, dass dieser Kelch an mir vorübergeht und mich überspringt. Andernfalls kann ich nur darauf bauen, wenn es soweit ist, nichts davon mitzubekommen. Weil eh alles egal und zu spät ist.

Bis dahin kann ich mich glücklich schätzen, mich für den Aufenthalt in der Charlottenburger Niebuhrstraße entschieden zu haben. Als Nutznießer des lebhaften Treibens eines Orts der Vielfalt. Der vielen offen steht und den Anspruch hat, keinen auszuschließen. Das Leben unterm Dach des LOV ist dennoch nicht mit dem auf der Insel der Glückseligen vergleichbar. Entsprechend der Wirklichkeit des Lebens, die auch vor der Haustür meines Altersruhesitz nicht halt macht. Was auch gut so ist.

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