Allzu menschliches. Schwul im Alter. Kein Zuckerschlecken.

Tod und Leben liegen manchmal dicht beieinander. Wie im Fall Marcellos, bei dem ein Hang zum Fatalismus überwog. Wie es auch bei unserer ersten Begegnung im bereits fortgeschrittenen Alter der Fall war. Ihn nicht daran hindernd, mithilfe seines Fotoalbums den Beweis anzutreten, in seiner Jugend, dank hinreißenden Anblicks, echt was hergemacht zu haben.Einer, der unmittelbar nach Kriegsende in einer ländlichen Umgebung in Mittelitalien geboren und aufgewachsen war. Und noch mit Anfang zwanzig Jahren zu den größten Hoffnungen berechtigte. Deren Verwirklichung leider auf sich warten ließ. Weil im Rückblick darauf davon auszugehen ist, im entscheidenden Moment eine falscher Abzweigung genommen und Richtung eingeschlagen zu haben.

Als Ergebnis seines vielversprechenden Anblicks, mit dessen Hilfe ihm ab Mitte der sechziger Jahre der Sprung als Arbeitsimmigrant in die Schweiz gelungen ist. Für den andere Motive ausschlaggebend dafür waren, einem Schweizer Industriellen ermöglicht zu haben, sich rettungslos in ihn zu verlieben. Nicht zögernd, ihn an Land zu ziehen, als den abrupt seiner ländlichen Umgebung und seinem bäuerlichen Milieu Entrissenen. Unter Schürung dessen Verlangens, ihm zu entfliehen und im dringenden Bedürfnis, freier zu atmen. Was im Rahmen seiner neuen Umgebung, als Bestandteil des Haushalts seines Lovers jedoch nur eingeschränkt verwirklichbar war. Als Gast, Liebhaber und Butler, der für alle häuslichen Bereiche – zwischen Küche und Bett – zuständig war. Und dessen Leben sich nicht zu seiner restlosen Zufriedenheit entwickeln sollte. Abgesehen von gelegentlichen Urlaubsreisen. Die dazu angetan waren, den von Fernweh geplagten  in den Bann zu ziehen. Unter Berücksichtigung seines Sicherheits- und Anlehnungsbedürfnis. Wie es für unseren Protagonisten charakteristisch und ihm mangels beruflicher Qualifikationen auf den Leib geschrieben war.

Wichtig war, neben regelmäßigem Sex und der Erwiderung seiner Gefühle auch über ein entsprechendes Auskommen zu verfügen. Was dann auch im Fall eines zufälligerweise in der Schweiz hereingeschneiten Gasts aus Berlin gewährleistet schien. Der ein Interesse daran erkennen ließ, Marcello davon zu überzeugen, sich bei ihm an der richtigen Adresse zu befinden. Auf der Grundlage von dessen Bereitschaft, damit einen Keil zwischen beide Liebende zu treiben, deren gemeinsamen Tage damit besiegelt waren.

Marcellos Schweizer Liebhaber ermöglichend, sich diskret vom Spielfeld zurückzuziehen und es dessen neuem Verehrer aus Berlin zu überlassen, sich ab diesem Zeitpunkt gemeinsam auf ihm zu tummeln. Ohne Rücksicht auf für den Jüngeren damit verbundene Verluste. Der nicht zögerte, den raschen Wechsel und Transfer nach Berlin zu vollziehen. Wo bekanntlich ja immer einiges los war. Und das nicht nur innerhalb der häuslichen Umgebung, sondern auch im jeweiligen Kiez. Marcello also nicht nur auf der Grundlage einer erfolgreichen ärztlichen Praxis und deren Umgebung im Grunewald darin bestimmend, sich den neuen aufregenden, ihn erwartenden Lebensabschnitt in überwiegend rosigen Farben auszumalen.

Die Crux bestand jedoch darin, sich leider nicht in allen Facetten bewahrheitet zu haben. Nicht erst dreißig Jahre später, sondern sehr viel früher bereits, im Blick in den Spiegel, über die Jahre hin, darauf aufmerksam, Spuren in Gestalt körperlicher und seelischer Blessuren zu hinterlassen. Mit sechzig zwar immer noch gutaussehend, aber nur wenn man davon absieht, dass sich der Schmelz der Jugend inzwischen verflüchtigt hatte. Ebenso wie die Aussicht, mir seinem Leben was gescheites anzufangen. Welches sich vorzugsweise im Schatten eines beruflich erfolgreichen Modearztes abspielte, dem es  in materieller Hinsicht an nichts mangelte. Manchen darin bestimmend, Marcello darum zu beneiden. Dem im Rückblick darauf nicht erspart blieb, sich bewusst zu machen, wie weit entfernt er davon war, das große Los gezogen zu haben. Darauf aufmerksam, sich einige vielversprechende Aussichten vermasselt zu haben. Beispielsweise im Verzicht auf ein Studium der Kunst, Malerei oder Literatur. Womit seinem Wein spürbar ein Wermutstropfen beigemischt war. Auch in Gestalt vergifteter Komplimente Dritter. Deren zweifelhafter Charakter auch dann auf der Hand lag, wenn dieser nicht auf Anhieb nachvollziehbar war. Etwa im Fall dessen, der es sich im juvenilen Ungestüm nicht nehmen ließ, ihn darauf aufmerksam zu machen, schon mal bessere Tage gesehen zu haben: „Ach meine Liebe, ich würde mich echt glücklich schätzen, später mal auch nur annähernd so gut auszusehen, wie du – in deinem Alter.“

Um damit nicht nur unter Marcellos Gürtellinie zu zielen, sondern ihn mitten ins Herz zu treffen. Entsprechend jenem weiteren, mich selbst zuweilen betreffenden, nicht minder zweifelhaften Kompliment: „He Mann, dir sieht man es ja überhaupt nicht an!“ Marcello nicht ersparend, sich gleichfalls davon betroffen zu erfahren. Dessen er sich jedoch erst sehr viel später bewusst war. Im Rahmen der ab Mitte vierzig vollzogenen Trennung seines Lovers von ihm. Mit der unvermeidlichen Folge seines Wechsels aus dem Grunewald in die Umgebung des Schöneberger Kiez, unweit des bayerischen Viertels. Mangels entsprechender beruflicher Qualifikation darauf angewiesen, sich künftig mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Vorzugsweise in der Gastronomie. Und zwar vor dem Hintergrund, der in diesem Bereich überwiegenden Fluktuation. Womit kein dauerhafter Verbleib am jeweiligen Arbeitsplatz zu gewährleisten war.

Unter deutlicher Verlagerung seiner persönlichen Interessen auf den Bereich des Privaten, innerhalb der eigenen vier Wände. Samt winziger Küchenzeile, Bad und Balkon. Als künftigem Lebensmittelpunkt von ihm. Teilnehmer an regelmäßig absolvierten Balkonwettbewerben. Mit dem Ergebnis mehr als einmal den Preis für den schönsten Balkon im Kiez eingeheimst zu haben. Oder jenen für das schönste, von ihm in italienischer Sprache verfasste Gedicht. Veröffentlicht in einem nicht auflagenstarken italienischen Lyrikmagazin. Einige Ordner füllend. Ihn nicht daran hindernd, sein Interesse auch einem weiteren Hobby zu widmen, der Aquarellmalerei. Und das alles auf der Grundlage viel zu schmaler Einkünfte auf Sozialhilfeniveau. Oder seiner späteren mageren  Rente. Als Ergebnis dessen, zeitlebens viel zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt zu haben. Mangels rechtzeitiger Vorsorge nicht davor zu bewahren, sein Dasein im Alter von der Hand in den Mund zu fristen.

Weshalb das wöchentliche Lottospiel, trotz geringer Gewinnaussichten, immer mehr Raum in seinem Denken einnahm und eine bedeutende Rolle spielte. Ebenso wie die Bereitschaft zur Kompensation mit dem Alter verbundener Entbehrungen, mittels täglich wachsenden Nikotinkonsums. Ebenfalls von Gewicht.  Im Rückgriff auf das für ihn charakteristische Suchtpotential. Immer rasch damit bei der Hand, die jeweils nächste Zigarette gerade an der beendeten anzuzünden. Auf die Gefahr hin, seinem Gegenüber den Eindruck eines lebenden Aschenbechers zu vermitteln. Den auch ich in ihm verkörpert sah. Dessen Nähe vorzugsweise vom Geruch abgestandenen Rauchs bestimmt war. Alle anderen Gerüche überlagernd. Weil der Geruch des Rauchs seiner Zigaretten in allen Poren spürbar war. Mindestens so gravierend, wie die zunehmende Tendenz zur unaufhaltsam im Abnehmen begriffenen sexuellen Frequenz.

Dazu angetan, sie mit nachbarschaftlichen Bezügen zu kompensieren. In Gestalt eines nicht mal halb so alten Etagennachbarn, heterosexueller Orientierung, der in seiner Eigenschaft als Fernfahrer oft durch Abwesenheit glänzte. An manchen Wochenenden aber nicht davor zu bewahren war, sich Marcellos Unterstützung zu versichern. Dessen Einsatz immer dann gefragt war, wenn es sich darum handelte, zum Ausgleich einer akuten Ebbe in der Haushaltskasse beizutragen. Als Ergebnis der für jenen in einer Freitagnacht damit verbunden Erfahrung, sich innerhalb weniger Stunden gefallen zu haben, seinen gesamten Wochenlohn auf den Kopf zu hauen. Als Single mit mangelhaften weiblichen Kontakten nicht davor zu bewahren, alles, was er unternahm, auf der Ebene des für ihn damit verbundenen Leichtsinns abzuwickeln.

Marcello nicht ersparend, sich nachts, dank lauten Krachs auf der Straße unterhalb seins Balkons, jäh den Armen des Schlaf entrissen zu erfahren. Im Blick hinab auf die Straße seines Nachbarn gewahr. Der kurz zuvor vom Fahrer eines scharf bremsenden Wagens auf die Straße geschmissen worden war. Von jenem, dank Suffs, um den gesamten Inhalt seiner Brieftasche erleichtert. Woraufhin er  mit quietschenden Reifen um die nächste Ecke gebogen war. Als Ergebnis der Geneigtheit des Nachbarn Marcellos, im entsprechenden Moment nicht davor haltzumachen, sich das entscheidende Glas Bier zu viel hinter die Binde zu kippen. Das ihm offenbar auch in diesem Fall den Rest gegeben hatte. Darauf angewiesen, es Marcello zu überlassen, in die Bresche zu springen.

Nicht eher wach zu kriegen, als gegen Mittag des darauffolgenden Sonnabends. Von Marcello darin bestätigt, nicht mal im Traum daran zu denken, ihn verhungern zu lassen. Ungeachtet seiner allenfalls tolerierbaren, aber nicht akzeptablen homosexuellen Orientierung und HIV-Infektion. Einer, für den es charakteristisch war, immer auf gepacktem Koffer zu sitzen, um den raschen Wechsel auf die AIDS-Station im AvK Berlin zu vollziehen. Wobei sein letzter Aufenthalt dort von der Erfahrung eines Herzinfarkts bestimmt war. Beim nächtlichen Aufenthalt im Raucherraum des Café Viktoria davon übermannt. Dem nur mit der Implantation eines Herzschrittmachers zu begegnen war. Abgelöst von  einer Beinamputation. Als Ergebnis der einer Gefäßverengung zu verdankenden Durchblutungsstörung des nicht mehr zu rettenden rechten Beins. Verbunden mit der Gefahr drohenden Wundbrands. Dank offener, sich nicht so rasch wieder schließenden Wunde. Marcellos Hang zum Fatalismus schürend. Der angesichts des drohenden Verlusts eines weitern, seines linken Beins, mit der immer gleichen Antwort darauf reagierte: „Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an“

Was der Zeitpunkt war, ab dem es unaufhaltsam bergab ging. Gekrönt von einer weiteren Diagnose: Lungenentzündung.  Mit anschließender Einweisung ins Vivantes Klinikum in Buch, im Norden Berlins. Wohin ich in der S-Bahn annähernd eine Stunde unterwegs war und anschließend wieder zurück. Mich nicht daran hindernd, mich weiter regelmäßig bei ihm blicken zu lassen. Genau wie Schwester Hannelore vom Hospizdienst Tauwerk. Die von Marcellos ambulantem Pflegedienst auf ihn aufmerksam gemacht worden war. Nachgerade rührend um ihn besorgt. Während sich meine Funktion für ihn von der des aufmerksamen Zuhörers und Gesprächspartners auf die des Dealers verlagerte. Dem es oblag, zu vermeiden, den Nachschub an billigen stinkenden Zigarillos, als Ersatz für seine frühere, inzwischen aber nicht mehr erschwingliche Zigarettenmarke, nicht abreißen zu lassen. Was ihm offenbar den Rest gab. Dank Bereitschaft, sich sogar mitten im kalten Winter, trotz entsprechender Minusgrade, zum Rauchen ins Freie zu wagen. Und das mindestens ein Dutzend mal am Tag. Wirksam als Selbstmord auf Raten.

Was sein Wohnungsnachbar, ausgestattet mit einer Konto-Vollmacht, zum Anlass nahm, Marcellos Konto abzuräumen. Unter voller Ausschöpfung seines Dispokredits. Davon überzeugt, damit vor allem und in erster Linie der Kontoführenden Bank und ihrer Versicherung zu schaden. Nicht darum bekümmert, dass sich Marcellos anschließende Urnenbestattung im Rahmen einer anonymen Beisetzung abspielen sollte. Weil dank finanzieller Ebbe mehr nicht drin war. Begleitet von einem seine Urne vorantragenden Friedhofsbeamten, sowie mir und Schwester Hannelore. Die im, Rahmen einer improvisierten Ansprache und Videoaufnahme davon absah, sich auf mich als Vertreter des Mobilen Besucherdiensts der Schwulenberatung Berlin zu beziehen. Aus Rücksicht auf Marcellos Familie in Italien, denen das Video zugedacht war. Als seine Angehörige nicht darüber im Bild, es in dem weit über Siebzigjährigen mit einem Schwulen zu tun zu haben.

Heute gibt es keinen unmittelbaren Hinweis auf ihn in Berlin. Weil eine Namensplakette für sein Urnengrab zum Preis von 50 € nicht erschwinglich, sondern unbezahlbar war. Ein Gang entlang an jenem Urnenhain auf dem Kirchhof der 12-Apostel -Kirchengemeinde im Bezirk, zwischen Autobahndreieck und S-Bahnhof Schöneberg, gibt Auskunft darüber, es in Marcello in dieser Hinsicht, nicht mit einem Einzelfall, sondern einem unter vielen anderen zu tun zu haben, denen es seit dessen Verlust vorbehalten war, sein Schicksal mit ihm zu teilen.

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