Berliner CSD wieder da. Ungeachtet der Querelen des vergangenen Jahres. Reminiszenz an die Anfänge.

Allen Querelen der vergangenen Jahre zum Trotz dürfen wir auch 2015, aus Anlass des 37. CSD in Berlin auf ihn zählen. Und das nach 36 Jahren und in Erinnerung daran, dass keiner derjenigen, die am ersten CSD am letzten Sonnabend im Juni 1979 beteiligt waren, davon auch nur zu träumen gewagt haben würde. Am allerwenigsten Andreas Pareik, dem wir ihn zu verdanken haben. Wahr ist aber auch, dass dies, anlässlich des zehnten Jahrestages des Aufstands von Stonewall als Thema sozusagen auf der Straße lag und wir uns bloß danach zu bücken brauchten. Einer aber musste den Anfang machen. 

Bevor Andreas sich 1982, als Opfer eines Autounfalls mit tödlichem Ausgang für immer verabschiedete, war er noch mit dem für ihn charakteristischen Elan an der Initiative zum ersten lesbischen und schwulen Kommunikations- und Beratungszentrum in der Kreuzberger Hollmannstraße beteiligt, der Vorläuferorganisation der heutigen Lesben- und Schwulenberatung in Berlin.

Einer unter Vielen, deren Einsatz und Wille zur Veränderung ihrer Lage der heutige Fortschritt zu verdanken ist, den wir inzwischen genießen. Während mancher, namenlos, wieder in Vergessenheit geraten ist. Ungeachtet seiner Verdienste um die Community. Viele waren es, die das Rad zwar nicht neu erfunden, aber ins Rollen brachten. Während andere nach ihnen es am Laufen hielten. Nach denen ebenfalls kein Hahn mehr kräht. Vor dem Hintergrund aller gewachsenen Institutionen der queeren Community. Wie der bereits genannten Schwulen- und Lesbenberatung. Der Berliner AIDS-Hilfe. Dem Buchladen Eisenherz. Sonntagsclub, LSDVD, CSD e.V. Schwulen Museum. Mann-O-Meter. RuT (Rad und Tat). SchwuZ. Siegessäule. Sowie dem jüngsten, aber lebhaftesten Spross der Bewegung: Enough is Enough. Um mich mit ihrer Nennung zu begnügen.

Manche uns nur noch dem Namen nach vertraute Einrichtung hat sich wieder verabschiedet. Wie der Verlag rosa Winkel. Und keiner der Heutigen erinnert sich noch an das Kultblatt der 1970iger Jahre Schwuchtel, dessen  Herausgeber mit den Gründern des legendären Cafés Anderes Ufer identisch waren. Und die Berliner Schwulen Zeitung (BSZ) wurde ebenfalls nach drei Jahren wieder zu Grabe getragen. Nachdem ihre Redaktion zwischen 1978 und 1981 im damaligen SchwuZ (Schwulenzentrum Berlin) in der Schöneberger Kulmer Str. 20a untergebracht war. Mit u. a. Andreas Pareik und mir als Mitgliedern ihres Redaktionsteams. In dessen Rahmen wir einander näher kamen. Nachdem wir uns bereits in der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) kennen und schätzen lernten. Die eigentliche Bewährungsprobe bestand aber darin, ein Blatt am Laufen zu halten, das von Anfang an, sowohl personell (dank starker Fluktuation) als auch finanziell gefährdet war. Mangels entsprechender Basis dafür. Als einem mit jeder neuen Ausgabe infrage gestellten Projekt, das uns gerade darum am Herzen lag. Neben Andreas haben sich u.a. auch Daniel Brutschin und Manfred Semmelbauer, nacheinander für das Layout des Blatts verantwortlich, um dessen Bestand verdient gemacht. Mit viel ehrenamtlichem Elan und Hingabe.

Daniel war es auch, der im Frühsommer 1979 für die Gestaltung des gemeinsam formulierten Aufrufs zum ersten CSD 1979 in Berlin verantwortlich war. Zu dem die Initiative von Andreas ausging. Als demjenigen von uns, der im Frühjahr des Jahres im Rahmen eines Aufenthalts in New York hautnah die Vorbereitungen zur Feier des zehnten Jahrestags des Aufstands im Stonewall Inn in der Christopher Street in Greenwich Village mitbekommen hatte. Und nach seiner Rückkehr nach Berlin nicht locker ließ. Entschlossen, dieses Datum auch hier nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, wie in den Jahren zuvor, in denen wir überwiegend mit uns selbst und unseren damaligen Querelen beschäftigt waren. Stichwort: Tuntenstreit. 

Mit dem für ihn charakteristischen Charmes und Elan, als den ihn auszeichnenden Eigenschaften, mit denen er damals in Westberlin unterwegs war, hat er es geschafft, nicht nur mich als Unterstützer für seine Idee zum ersten CSD in Berlin zu gewinnen. Gemeinsam waren wir über viele Wochen hin mit dem selbstverfassten Aufruf dazu in den Clubs, Kneipen, Bars, Saunen, Cafés, Klappen und Cruising Areas der Halb-Stadt unterwegs. Mit dem Ergebnis, dass damit ein Schneeballsystem in Gang gesetzt worden war, dank dessen die Basis der Unterstützer des Projekts immer breiter geworden war. Wobei es Andreas vorbehalten war, bei der Anmeldung als politische Demonstration die Visionäre Voraussicht von annähernd 450 Teilnehmern zu beweisen. Bei denen es am letzten Sonnabend im Juni 1979 bleiben sollte.

Wer schon mal Gelegenheit hatte Wilfried Laules Kurzfilm über den ersten CSD zu besichtigen oder Rolf Fischers und Anke-Rixa Hansens Fotos von ihm, wird mir zustimmen, dass seine Teilnehmer/innen damals nicht mehr im Gleichschritt und unter roten Fahnen, sondern tanzend unterwegs waren. Anders als bei der Teilnahme an vorangegangenen Mai-Demos. Und anders als noch bei der Pfingstdemo 1973 der HAW, waren schwule Lehrer anlässlich ihrer Teilnahme am ersten CSD nicht mehr darauf angewiesen, sich zum Schutz ihrer Identität kukluxklanartiger Kapuzen zu bedienen.

Erstaunlich war die Zahl teilnehmender Lesben. Die nicht unmittelbar in die Vorbereitung einbezogen waren. Mit ihrem Slogan Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch! haben sie jedoch auf ihre Weise  Akzente gesetzt und sich mit eingebracht. Zur Ergänzung der gemeinsamen Forderung zur Ersatzlosen Streichung des Paragraphen 175 und des unsere Sichtbarkeit fördernden Mottos: Mach dein Schwulsein öffentlich!

Mit Andreas 1982 vollzogenem Abschied war auch die Aufbruchstimmung der 1970iger Jahre besiegelt. Vor dem Hintergrund zunehmender Nachrichten aus den USA – über die neue Schwulenpest: AIDS und seine für alle spürbaren Folgen. Einschließlich der Auseinandersetzung um die Notwendigkeit zum AIDS-Test und zu Safer-Sex-Maßnahmen. Die wie alles in der damaligen Szene hochumstritten waren. Wovon auch Rosa von Praunheim ein Lied singen kann, als Ergebnis seines damals im Spiegel veröffentlichten Aufrufs zum Verzicht auf alle ungeschützten sexuellen Kontakte. Vor dem Hintergrund der damit verbundenen Erfahrung des schmerzlichen Verlusts zahlreicher Freunde und Weggefährten, die sich damals für immer von uns verabschiedet haben. Weitgehend in Vergessenheit geraten, obgleich sie es verdient haben, ihnen ein Andenken zu bewahren.

Der CSD immerhin hat die Zeit überdauert. Und das in einem Zeitraum von mittlerweile 36 Jahren. Und hat seit seinen Anfängen einen damals nicht absehbaren Aufschwung genommen. Ungeachtet aller von Anfang an mit seiner Existenz verbundenen Kritik an ihm. Als der Ursache immer wieder erneut aufflackernder Querelen. Trotz allem ist er nach wie vor der Ort für Schwule und Lesben, der ihnen ermöglicht, neben unserem Stolz und Selbstbewusstsein auch unsere politischen Forderungen zum Ausdruck zu bringen.

Das Verdienst, den CSD allen Unkenrufen zum Trotz, über die Jahre hin am Laufen gehalten zu haben, gebührt allen denjenigen, die ihn anonym und ehrenamtlich immer wieder vorangebracht haben. Und sich gefielen, ihm Jahr für Jahr in immer wechselnder Zusammensetzung ihre Unterstützung zuteil werden zu lassen. Bis es mit der Gründung des CSD e.V. soweit war, über einen Sündenbock zu verfügen, der sich dafür anbot, ihn für alles, was nicht passte, verantwortlich zu machen. Ungeachtet aller teilweise gerechtfertigten Kritik an einzelnen Personen, war es der CSD e.V., der seit den neunziger Jahren dafür gesorgt hat, ihn trotz der zunehmenden Zahl seiner mittlerweile in die Hunderttausende gehenden Teilnehmern, am Laufen zu halten. Als keinem leicht zu stemmenden Kraftakt. Die Loveparade in Berlin ist daran zerbrochen. Den CSD gibt es immer noch, mit Ach und Krach. Trotz Schuldenbergs. Den es abzutragen gilt. Anders als die Arbeit der AIDS-Hilfen und ihrer zahlreichen Helfer und Mitarbeiter erfährt er keine öffentliche Unterstützung. Und ist doch nicht weniger notwendig, wenn auch auf einer anderen Ebene, als der der AIDS-Prävention. Im notwendigen Kampf gegen Rassismus und Homophobie.

In meinem persönlichen Fall ist dem, dank inzwischen fortgeschrittenen Alters, noch die Erfordernis der Berücksichtigung aller damit verbundenen Probleme hinzugetreten. Im Rahmen meines jahrelangen ehrenamtlichen Engagements im Mobilen Salon des Netzwerks Anders Altern der Schwulenberatung Berlin. Mitglied von BALSAM. Dem Berliner Arbeitskreis lesbischer und schwuler alter Menschen. Im Rahmen des Besucherdiensts für alle diejenigen unter uns, die nicht mehr mobil sind, habe ich vielfach erfahren, was es heißt, es in unseren Ansprechpartnern mit Angehörigen einer Generation von Schwulen zu tun zu haben, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen selber nicht zu helfen wissen und deshalb auf Unterstützung angewiesen sind. Um zu vermeiden, durchs Raster zu fallen. Auch dafür existiert der inzwischen im dritten Jahr bestehende Lebensort Vielfalt als meinem neuen Lebensmittelpunkt seit drei Jahren. Und Ort der Beratung, Kommunikation, Begegnung der gesamten queeren Community in Berlin. Unabhängig vom jeweiligen Alter oder der jeweiligen sexuellen Orientierung.

Berliner CSD

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