The Queen and I. Familienbesuch. Keine Gefahr für den CSD in Berlin

Familienbesuch. Die Queen in Berlin. Und das offenbar bei bester Gesundheit. Trotzdem reist der Leibarzt immer mit. Auch Philip hat seinen Auftritt über die Jahrzehnte verinnerlicht. Immer zwei Schritte hinter der Queen zurück. Einzige Abweichung zu Fotos und Filmaufnahmen zu früher, das gelegentliche Kuriosum eines Zylinder auf dem Kopf und die inzwischen stark zerknitterten Züge im Gesicht.

Die Queen diesmal nicht in Pink oder Giftgrün, sondern in Blau und Türkis. Neben mir, auf dem Sofa, mit Blick auf den Bildschirm, meine 86jähjrige Schwester nach einem leichten Schlaganfall. Für die es keine Rolle spielt, dass wir als Geschwister nicht über denselben Vater verfügen. Dessen Familie es in meinem Fall bereits im dreißigjjährigen Krieg diesseits der Alpen verschlagen hat. Ursprünglich ansässig in Südtirol. Als Ziegenhirten, also Gaiser, woher der Name stammt.

Inge: „Aber das betrifft ja nicht mich!“ Trotz gesundheitlicher Handicaps noch hinreichend klar im Kopf. Während weiter unablässlig die Bilder der Queen in Berlin über den Bildschirm flimmern. In einer Nussschale von Boot auf der Spree unterwegs. Gemeinsam mit Gauck und Lebenspartnerin. Während meine Schwester eine Schale frisch gepflückter Erdbeeren auf dem Schoß balanciert. Mit mir als dem 16 Jahre jüngeren Bruder an der Seite. Über viele Jahre hin war es ihr, als der Älteren vorbehalten war, mich an meine Sturzgeburt mitten im kalten Winter im Januar 45 zu erinnern. Darauf aufmerksam, dass diese von  Eiseskälte begleitet war und von knietief in frischgefallenem Schnee versinkenden Schritten. Unterwegs zum nächsten Bauern – zwecks einer Kanne frisch gemolkener Milch, um die Unpässlichkeit der Mutter damit zu überbrücken und meinen Hunger darauf zu stillen. Im Verlangen danach in wütendem Geschrei darum verausgabt. Unterm Eindruck amerikanischer Tiefflieger am Himmel. Unterwegs mit ihrer schweren Bombenlast, um diese über dem benachbarten Industrierevier des Rhein-Neckar-Deltas auszuklinken. Heidelberg verschonend. Um dort einmal zu wohnen.

Deren Einmarsch in unser Kaff der16jährigen abverlangt, sich zur Tarnung ihrer Jugend eines Kopftuchs und gemalter Schatten unter den Augen zu bedienen. Eine Nachbarin soll nur mittels Sprungs aus dem Fenster in der Lage gewesen sein, sich fremdem Zugriff durch Angehörige der Besatzungsmacht zu entziehen.

Heute bin ich es, der die Schwester daran erinnert, deren eigene Erinnerung daran offenbar getrübt ist. Aber nur bedingt. Immerhin in der Lage, ihre polnische Pflegekraft darüber zu informieren: „Das ist mein Bruder aus Berlin!“ Dessen ist sie sich gewiss. Auch wenn manch anderes inzwischen in Auflösung begriffen ist. Weil auf nichts mehr Verlass ist.

Das Bett steht auch inzwischen mitten im Wohnzimmer, barrierefrei und behindertengerecht, um ihr die Strapaze der Treppe zu ersparen.

„Das Alter ist nichts für Feiglinge“ lautet der Titel der Memoiren eines Stars des deutschen Films der fünziger Jahre, als Inges großer Zeit. Und der Zeit meiner Einschulung 1951 im ersten Schuljahr. Der Name liegt ihr auf der Zunge. Aber sie weiß ihn nicht. Ist darum bekümmert, sich auf mich verlassen zu müssen. Der sich fragen muss, wie lange es im eigenen   Fall wohl noch dafür reicht?

Regelmäßig, täglich einzunehmende, ärztlich verschriebene Medikamente können auch dafür verantwortlich sein, dass die Schwester an meiner Seite zuweilen einnickt. Wegen der Nebenwirkungen, dank der ihre Lider mit bleierner Schwere darauf reagieren. Gefolgt von meiner Aufforderung, ruhig die Augen zu schließen. Der Bildschirm hat ebenfalls einen solchen Effekt. Während ihre Hand auf meine sinkt.

Der nicht umhin kam, den guten Zustand des Grab des Gatten und Schwagers zu loben. „Ach, das war ein ganz Lieber“, so Inge. Ich: „Du aber auch!“ Sie: „Meinst du?“ Ich: „Aber klar doch. Und weil das so ist, kriegst du das jetzt alles mit Zinsen zurück!“ Gemünzt auf die Fürsorge des Familiennachwuchses, der sich rührend um die Mutter bemüht. Mich daran erinnernd, selber im entsprechenden Alter keine andere Wahl zu haben, als eigenständige Vorsorge zu treffen, also rechtzeitig die Weichen zu stellen.

Inge wünscht sich einen schmerzlosen Tod im Schlaf. Ob sie an einen Arzt denkt, der in der Lage ist, den entsprechenden Cocktail zu verabreichen, weiß ich nicht. Entsprechende gesetzliche Bestimmungen lassen immer noch auf sich warten. Besser ist es dagegen, die Augen bald wieder aufzumachen. Solange sie noch dazu in der Lage ist. Hoffen wir nicht alle, dass uns das Schlimmste erspart bleibt! Wir beide, meine Schwester und ich, sind da keine Ausnahme.

Bei meinem ältesten Mitbewohner im „Lebensort Vielfalt“ in Berlin hat es geklappt und im Alter von 86 Jahren ganz genauso funktioniert, wie hier beschrieben. Gottfried hieß der Glückliche. An seiner statt ist inzwischen Zoltán, 23, mit ungarischem Migrationshintergrund eingezogen, um das Durchschnittsalter im Haus der Schwulenberatung Berlin zu senken. Der Altersdurchschnitt in ihrem Mehrgenerationenwohnprojekt ist jetzt zwischen den altersbedingten Polen 23 und 75 Jahre angesiedelt. Auch eine Pflegestation mit acht Plätzen ist im Haus untergebracht. Mit der Option der späteren ambulanten Pflege innerhalb des jeweils eigenen, überwiegend barrierefreien Wohnbereichs.2011 als erster meinen Mietvertrag unterschrieben zu haben, war meine Art der Vorsorge. Und im Rückblick darauf bin ich in der Lage, mich glücklich zu schätzen, diesen Schritt seitdem nicht bereut zu haben.

Die Queen, zu Besuch in Berlin, ist wieder vom Bildschirm verschwunden und hat anderen Nachrichten Platz gemacht. Griechenland ist das vorrangige Thema. War Philip nicht ein Prinz von Griechenland? Womit der Kreis sich schließt. Er wird ungeachtet seines Alters kaum vergleichbare Probleme haben, wie sie andere Menschen bewegen, die wie ich darauf angewiesen sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und was die Queen betrifft, fragt sich, ob sie ebenfalls so alt werden wird, wie ihre Vorgängerin Queen Mum mit ihren über hundert Jahren, als sie starb. Was sich im Fall Elisabeths II. erst noch erweisen muss.

Ein Foto von Queen Mum, der Legendären, die gerne mal einen gehoben haben soll, hängt an der Wand meines Nachbarn Pete, der seit drei Jahren in der Pflege-WG des Lebensort Vielfalt in der Charlottenburger Niebuhrstraße untergebracht ist. Mit ihm als Gast einer Teegesellschaft bei ihr. Strahlend Jung und von ansprechendem Äußeren. Nur Letzteres ist nach wie vor immer noch an ihm nachvollziehbar. Einer, der trotz gesundheitlicher Handicaps über den Elan und die Energie verfügt, sich bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr zu einer Reise nach Marokko zu entschließen. Südlich von Agadir untergebracht. Auf der Höhe der Kanarischen Inseln. Ich hoffe sehr, dass er uns noch eine geraume Weile erhalten bleiben wird. Möge der walisische Drache seiner Heimat, als Flagge an seiner Eingangstür, noch lange über ihn wachen.

Dessen Heimat Großbritanien ihn tief geprägt hat. Von dort stammt auch sein zuweilen tiefschwarzer Humor. Im Lebenort Vielfalt hat er mehr als nur eine zweite Heimat gefunden. Und ich hoffe, dass sich alle seiner Wünsche erfüllen. Das gilt im Übrigen auch für die Queen, als seiner Monarchin. Die Berlin rechtzeitig genug wieder den Rücken kehren wird, um damit zu vermeiden, dem für kommenden Sonnabend, den 27 Juni angesagten CSD in Berlin verkehrstechnisch zu schaden. Diesmal leider, dank heimatlichen Familientreffens, also aus gegebenem Anlass, ohne mich: Aber mit der vertrauten Gruppe älterer Schwuler, die sich seit drei Jahren  – organisiert von Mann-O-Meter, der Sportgruppe Rostfrei des Sportvereins Vorspiel  und dem Gesprächskreis Anders Altern der Schwulenberatung Berlin  – gemeinsam auf die Straße wagen. Als Rikscha-Gruppe, unterm Motto: Mit Fünfzig plus ist noch lange nicht Schluss! 

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