„Lost Weekend“ oder der Wannsee in Flammen bei gefühlten vierzig Grad im Schatten

Und in Athen Tanz in allen Straßen. „An Deutschlands Wesen soll die Welt genesen“ – lautet ein Post auf Facebook, als Warnung davor. Gipfelnd im Statement: „Griechenlands Untergangs-Szenario und Tragödie soll Deutschlands Machtübernahme im Euro-Raum vorbereiten“. Einigen scheint die Hitze zu Kopf gestiegen zu sein. Was die Forderung nach einer kalten Dusche nach sich zieht. Dafür ist der Wasserdruck in Berlin zur Zeit jedoch nicht stark genug.

Lammert hat die Abgeordneten des Bundestags in den Urlaub entlassen. Der ewige, unausweichliche Politikberater Spreng verlautbart bei Jauch, dass die bislang stets von ihm kritisierte Kanzlerin in Berlin im Fall Griechenlands zu loben ist. Stillstand und Abwarten erhalten die höheren Weihen kluger, vorausschauender Politik.

Auch in München spielen sie verrückt. Scheuer (CSU), dessen Namen den Kalauer be-scheuert beschwört, bringt gegen Griechenland ganz starke Geschütze in Stellung. Kinder, gehts noch? Ist nicht Abrüstung gefragt, statt heißem Krieg? Und hat Varoufakis in Athen nicht seinen Hut genommen und Rücktritt erklärt? Dem Gebot der Stunde folgend. Was ihm hoch anzurechnen ist. Und springt nicht ins Auge, dass sich Tsipras übernimmt – mit der Ankündigung der Lösung der griechischen Frage innerhalb von 48 Stunden?

Chaostage überall, sowohl in Athen, als auch in München und Berlin. Und ich mitten drin. Ab elf Uhr vormittags – am Wannseestrand. Nach einer halben Stunde Wartezeit in sengender Hitze habe ich trotzdem noch Einlass gefunden. Alle drängen sich eng zusammen. Auf dem schmalen Streifen vor dem als FKK-Strand ausgewiesenen Bereich. Und liegen dicht an dicht. Größere Abstände dort, wo Textilfreiheit herrscht. Doch lichten sich auch hier mit der Zeit die blinden Flecken. Und verringert sich der Abstand zwischen den sich dort breitmachenden. Und ich darf mich glücklich schätzen, noch einen schattigen Platz unter einem von beiden dazu einladenden Bäumen erwischt zu haben.

Lautsprecherdurchsagen fordern, die bewimpelten Strandkörbe zu räumen: Erst Mieten! Andere künden von der nicht auszurottenden Dämlichkeit von Autofahrern, die an einem solch heißen Tag am Strand davon ausgehen, Narrenfreiheit zu genießen. Während bezahlte Ordnungskräfte unterwegs sind und darauf brennen, falsch geparkte Fahrzeuge kostenpflichtig abschleppen zu lassen. Um Bares in die Landes-Kasse zu spülen. Und der junge, fünf Jahre alte Jamal in blauen Bade-Shorts wartet trotz wiederholter Ansage immer noch auf die Abholung beim Schwimmmeister. Während sich in meiner Nachbarschaft eine deutsche Familie – gleich gestrandeten Walen – im Sand aalt. In Gestalt von Vater, Mutter, Kind, als pubertierendem Sohn. Rauchen, Essen, Trinken und mal fünf Minuten ins pisswarme Wasser springen – ist alles, wozu es bei ihnen reicht.

In der gleichen Zeit schaffe ich die Lektüre eines Romans. Trotz mehrfach absolvierter Tauchgänge im tieferen Wasser, dort wo es noch die erhoffte Erfrischung bietet. Auch zu flüchtigen Flirts und Blickkontakten lasse ich mich hinreißen. Weil es Spaß macht. Jörg ist heute jedoch nicht am Strand auszumachen. Gestern hat er mir noch via Facebook signalisiert, mich wahrgenommen, aber nicht getraut zu haben, den nur mit einer Sonnenbrille bekleideten auf sich aufmerksam zu machen. Das gemeinschaftlich absolvierte Morgenpost-Interview (junger Aktivist versus Veteran) hat Spaß gemacht. Und die Fotos von uns beiden auf einem Schrank der Bibliothek Andersrum im Lebensort Vielfalt in Berlin Abgelichteten ebenfalls.

Meine mich in Anspruch nehmende Lektüre war schuld daran, mich davon abgelenkt zu haben. Als Roman eines alkoholkranken amerikanischen Autors, Charles Jackson, der 1946 in den USA ein Bestseller war. Verfilmt von Billy Wilder. Mit Ray Milland und Jane Wyman. Die heute keiner mehr kennt. „The Lost Weekend“, damals mit vier Oscars ausgezeichnet, wurde inzwischen bei Vintage neu aufgelegt und ist als Printausgabe seit einem Jahre im innovativen Zürcher Dörlemann Verlag wieder zugänglich. (Ausleihbar in der Queeren Bibliothek Andersrum des Lebensort Vielfalt in Berlin).

Zitat (S. 203): „Niemand war schneller mit dem Wort Schwuchtel bei der Hand, und zwar abwertend als diese selbst .. Wie der Jude beim Ausdruck Itzig zusammenzuckt. Ihn aber doppelt so oft gebrauchend … wie der Schwarze das Wort Nigger… Alle beanspruchen die Verwandtschaft mit den Großen der Welt … Die Juden (die) mit Heine und Disraeli … Die Tuberkulösen die mit Stevenson, Chopin und Keats … und die anderen mit Wilde, Proust, Tschaikowsky, Michelangelo und Caesar …“ 

„Das verlorene Wochenende“  ist dennoch kein angenehmer Zeitvertreib. Brillant geschrieben, als unaufhaltsamer Absturz ins Delirium. Trotzdem habe ich die Lektüre an einem Wochenende geschafft. Als Roman, den Rainer Moritz in seinem Nachwort als solchen über Alkoholmissbrauch und (uneingestandene) Homosexualität charakterisiert. Dessen Autor Jackson sich erst spät zu seiner Bisexualität bekennt.  Opfer von Billy Wilders den Roman verfälschenden filmischen Adaption, des millionenfach in den USA verkauften und in vierzehn Sprachen übersetzten Werks. Das es im Schatten des Films schwer hat, sich im Bewusstsein der Menschen zu behaupten.

Als Autor ist Charles Jackson in Vergessenheit geraten, seit er sich am 21. September 1968 mit 30 Tabletten des Schlafmittels Seconal das Leben nahm. Im legendären New Yorker Chelsea Hotel. Als dem vom Verlag McMillan vermittelten Quartier und Domizil seiner letzten Lebensphase. Die er zusammen mit seinem 25 Jahre jüngeren, tschechoslowakischen Lebenspartner Stanley Zednik verbrachte.

Rainer Moritz in seinem Nachwort: „Erfolg und Ruhm änderten nichts daran, dass keiner der fünf späteren Romane … eine vergleichbare Wahrnehmung erfahren hat, wie Lost Weekend“. Die Bibel aller Trinker der USA. Die sich nicht zuletzt durch literarische Anspielungen auf Fitzgerald, Tolstoj und Shakespeare auszeichnet und durch seine anerkannte literarische Qualität.

Sich auch Thomas Mann vermittelnd, dessen Novelle Tod in Venedig dem jungen Autor bereits 1925 als Buchhändler in die Hände fiel. Glücklich, dass er dem Verehrten 1944 bei einem Empfang in Hollywood begegnen durfte. Der Gefallen an Jacksons Roman fand und ihn zu Recht gelobt hat.

Charles Jackson, The Lost Weekend, Roman, 347 S. Deutsch von Bettina Abarbanell, 2014, Zürich

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