Die Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht

Die Erde.21YDQ878C8L._AA160_W.Baechler.indexZitiert nach Michael Krügers Nachwort zur Wiederentdeckung eines großartigen Autors, Wolfgang Bächler, dessen Roman Der nächtliche Gast erstmals 1950 in der Eremitenpresse  in Frankfurt am Main veröffentlicht wurde und in den Nachkriegswirren und der Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs nach dem Krieg resonanzlos unterging. Entgegen der eigentlichen Bedeutung des mit seinen knapp 150 Seiten nicht umfangreichen, aber um so gewichtigeren Werks. In einer Prosa – aus einer Mischung aus jugendlichem Ungestüm und überraschender Reife, angesichts eines Autors im Alter von knapp 23 Jahren. Und vor dem Hintergrund von 12 Jahren faschistischer Diktatur und Gewaltherrschaft.

Erstmals war der damals noch junge Autor im Rahmen der 1947 vollzogenen Gründung der Gruppe 47 in Erscheinung getreten, zu deren Treffen er ab diesem Zeitpunkt regelmäßig eingeladen war. Im 1962 bei Rowohlt erschienen Almanach der Gruppe mit mehreren Gedichttexten vertreten. Unter anderem mit folgenden, auf Seit 74 nachzulesenden Zeilen:

Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten / Die Wiesen grünen wieder Jahr für Jahr, / Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten, / ins Antlitz, in das Wesen eingeschnitten. / In unseren Träumen lebt noch oft, was war 

Nach diversen anderen Veröffentlichungen war es dem Berliner Ullstein Verlag vorbehalten, 1980 eine Neuausgabe des Romans der deutschen Öffentlichkeit nahezubringen. Wovon sich Michael Krüger (Verlagsleiter bei Hanser in München) in seinem Nachwort eine größere Resonanz versprach, als sie dem Autor bei seinem Debüt 1950 beschieden war.

Den Roman „Der nächtliche Gast! habe ich vor …15 Jahren (bereits) gelesen. Sein Autor wies mich auf die … erwähnte Grenze hin: Homosexualität (und) Inzest, (als) Tabuverletzungen, die er für das Vergessen (des Romans) verantwortlich macht.

Richtig ist, dass es sich in diesem (so Krüger) um „Die Beichte eines Mörders“ handelt, „erzählt in einer Nacht“. In zwar einfacher und schnörkelloser, aber nicht schlichter und naiver, sondern poetischer Sprache. Deren Eindringlichkeit dem Leser bei der Lektüre seine volle Aufmerksamkeit abverlangt. Wie sie dem Stoff des Roman angemessen ist. Als Geschichte der Nachkriegsjugend in Gestalt des 16jährigen Ritschi, anlässlich dessen Begegnung mit einem aus dem Exil nach Kressenbach in der deutschen Provinz zurückgekehrten Schauspielstars Divorni. Dem man nachsagt, sogar in Hollywood Furore gemacht zu haben.

Diesmal Mitglied des Schauspielensembles am ortsansässigen Kurtheater, unmittelbar vor der  für den folgenden Abend geplanten Premiere. Mit dem vielfach  gerühmten Divorni als Protagonisten und Ritschi in einer kleinen, seiner Jugend angemessenen Sprechrolle. Dessen  Anblick und hinreißendes Erscheinungsbild den Älteren motivieren, dem Jüngeren eine glänzende Bühnenlaufbahn vorauszusagen. Sich als Lehrer und Mentor auch um die Zuneigung und  Freundschaft des Sechzehnjährigen bemühend. Die geplante Premiere soll die Weichen stellen. Nicht nur im Leben des jugendlichen Protagonisten, sondern auch in dem der gleichfalls blutjungen Tanzelevin Hella, Tochter Divornis. Unsterblich in unseren jugendlichen Helden verliebt, wie er in sie und der Vater in ihn, als dem von ihm Angebeteten.

Er fuhr mit seinen Fingern über meine Stirn und über die Augenbrauen und über die Nase und über den Mund und sagte: „Du hast schöne Züge“. Und die Lippen schob er mir auf und zu und berührte meine Zähne und meine Zunge, bis seine Fingerspitzen ganz feucht waren. Dann kam er mit seinem Mund an mein Ohr und flüsterte: „Du!“ Und er drückte den Mund auf mein Haar und sagte: „Du musst nun gehen! Ich muss mich noch über meine Rolle machen“. Er stand auf und zog mich hoch, presste mich schnell an sich … „Addio!“

Mit dem Erfolg der von allen Beteiligten absolvierten Premiere war das damit verbundene Unheil nicht mehr aufzuhalten. Vor dem Hintergrund sich  überstürzender Ereignisse. Um im Leben der Betroffenen eine tiefe Schneise zu schlagen. Unterm für Ritschi damit verbundenen Eindruck: „dass ich kein Junge mehr war“.  Mehr möchte der Rezensent angesichts der sich ab diesem Zeitpunkt beschleunigenden Ereignisse des Romans nicht vorwegnehmen und verraten. Abgesehen davon vielleicht, dass Ritschis Beichte Auskunft darüber gibt, dass sein Leben damit auf eine neue Grundlage gestellt war. Mit nicht nur für ihn, sondern alle Beteiligten verheerenden Folgen. Ebenso unabsehbar wie unaufhaltsam. Und das auf schmalen 150 Seiten, die es in sich haben.

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