Bücher für mehr als eine Saison: „Die Kunst des Feldspiels“

Wenn Autoren vom Rang Jonathan Franzens („Freiheit“) oder John Irvings  („Gottes Werk und Teufels Beitrag“) einem Neuling der amerikanischen Literaturszene, wie Chad Harbach, anlässlich seines Romanerstlings Die Kunst des Feldspiels einen großen Wurf bescheinigen, gibt es eigentlich keinen Grund, dessen Lektüre zu verweigern.Obgleich der Roman auf seinen mehr als 600 Seiten überwiegend um ein sportliches Thema kreist, dem in Amerika beliebten Baseball. Das ebenso wie American Football, Rugby oder Basketball in zahlreichen Hollywoodfilmen einen Rolle spielt, ohne sich mir bislang erschlossen zu haben.

Im Fall John Irvings war es der Ringersport, der für ihn, neben seinen literarischen Ambitionen, von existenziellem Interesse war. Wohingegen sich sein Kollege Richard Ford („Unabhängigkeitstag“) in einem Zeit-Interview neueren Datums als Anhänger des Boxsports offenbart.

Im Unterschied dazu begegnen wir in der „Kunst des Feldspiels“ auf Schritt und Tritt dem Baseballspiel. Im Rahmen des in Wisconsin angesiedelten Westish-College, als dem Schauplatz des Romans. Mit Mike Schwartz, einem seiner Protagonisten, als Scout und Trainer seiner Baseball-Mannschaft. Die zunehmend eine wichtige Rolle spielt. Seit es Schwartzy (so sein Nickname) gelungen ist, Henry Skrimshander (den Skrimmer) an Land zu ziehen und für die Mannschaft der Harpooners als Shortstop zu verpflichten. Als dem Auftakt zum rapiden Aufstieg der Mannschaft in der Collage-Baseballliga.

Die sich Aparacio Rodriguez, legendärer Autor des epochalen Handbuchs „Kunst des Feldspiels“ als Vorbilds bedient. Über weite Strecken hin im Verlauf von 18 Baseball-Sessions als Aushängeschild seines Baseball-Teams an der Uni St. Louis auf dem Platz. Den Skrimmer motivierend, sich dessen Regeln zu Eigen zu machen und  so stark zu verinnerlichen, dass er in der Lage ist, sie aus dem Effeff zu beherrschen. Und zwar in absolut traumwandlerischer Sicherheit. Mit dem Ergebnis, dass es die Mannschaft der Harpooners mit ihm als Shortstop bis an die Ligaspitze schafft.

Henry nicht ersparend, sich im Moment des denkbar größten zu erwartenden Erfolgs mit der Gefahr des Scheiterns konfrontiert zu erfahren. Als Ergebnis seiner Überforderung in einem entscheidenden Moment des Spiels und Ausdruck seines daraus resultierenden Versagens. Mit der Folge, dass sein Ball nicht das ihm bestimmte Ziel erreicht, sondern Henrys Mannschaftskameraden Owen Dunne am Kopf trifft und ihn nicht nur verletzt, sondern außer Gefecht setzt. Und das für geraume Weile, dank unvermeidlichen Krankenhausaufenthalts.

Neben anderen Mannschafts-Kameraden des Skrimmers, wie Adam Starblind oder Rick O´Shea, ist Owen die interessanteste Persönlichkeit auf dem Platz. Dessen Part im Rahmen ihres Teams sowohl in dem des intellektuellen als auch sexuellen Außenseiters besteht. Als Spieler keinen überragenden Rang einnehmend, aber durch die Konstanz seiner gleichbleibenden Leistung bestechend. Einer, auf den Verlass ist und der seinen Ruf der Fähigkeit verdankt, im entscheidenden Moment nie versagt zu haben. In der Lage, alles zu geben, um seiner Mannschaft damit zu notwendigen Punkten zu verhelfen. In den Pausen dazwischen offen für andere ihn bestimmenden Eindrücken. Um auch im Verlauf eines Spiels nicht davor haltzumachen, sich in eine fesselnde Lektüre zu vertiefen. Was mit dafür verantwortlich war, dass er im entscheidenden Moment nicht  imstande war, den Folgen von Henrys ihn attackierendem Ball zu entgehen, sich also rechtzeitig davor in Sicherheit zu bringen.

Im Unterschied zum Skrimmer ist das Studium Owens nicht nur von sportlichen, sondern auch  intellektuell herausfordernden  Leistungen bestimmt. Denen er nicht nur ein Stipendium verdankt, sondern auch die Aussicht auf einen Studienaufenthalt in Japan. Während Henry weiter durch die antrainierte Kraft, Ausdauer  und sportliche Leistung glänzt. Und seinen brillanten Einsatz als Shortstop seiner Mannschaft. Von seinem Scout und Trainer Mike Schwartz spitzenmäßig darauf getrimmt. Im Rahmen des ihm abverlangten militärischen Drills, dem er ihn unterzieht – als seiner (von ihm als solche apostrophierten) Muschi. Womit Schwartzy ihn in einen Zustand absoluter Abhängigkeit von zwingt. Henry damit eng an sich und die Mannschaft bindend, damit kein Blatt zwischen sie passt. Als Basis des den Skrimmer zu absoluten Spitzenleistungen konditionierenden Trainings.

Was jedoch spätestens ab dem Zeitpunkt des Unfalls Owens nicht mehr im vollen Umfang dessen, was man von ihm erwarten darf,  gewährleisten ist. Weil Henry  einem rapiden Leistungsabfall unterworfen ist und sich sein bislang meisterliches Spiel verflüchtigt. Nicht länger in der Lage, sich jedes Wurfs bereits im Vorgriff auf ihn sicher zu sein. Weil er sich erheblich darin beeinträchtigt sieht. Als Opfer der damit verbunden Angst davor, ein weiteres Mal gravierend zu versagen. Als einer sich selbst erfüllenden Prophetie.  Möglicherweise aber auch darum, weil er sich Owen enger verbunden weiß, als jedem anderen seiner Mannschafts-Kameraden. Zwei College-Stipendiaten, die sich in ihrem Uni-Wohnheim ein Zimmer teilen. Obwohl sie unterschiedlicher kaum sein können, die aber der erhoffte Erfolg zusammenschweißt.

Sex spielt für den Skrimmer keine Rolle. Im Unterschied zu Owen, der keinen Hehl macht – aus seiner homosexuellen Orientierung und entsprechenden Praxis. Anders als Henry nicht bereit, dies mittels sportlichen Höchstleistungen zu kompensieren. Was seine Mannschaftskameraden und Studienkollegen tolerieren. Insoweit, als keine Gefahr besteht, sich im Rahmen ihres Mannschaftssports negativ auszuwirken. Bis zu jenem Zeitpunkt, an dem Owens Affäre mit dem College-Präsidenten Guert Affenlight zum Gesprächsthema wird.

Demjenigen, der seine erfolgreiche akademische Laufbahn der Entdeckung eines Manuskripts des Klassikers der amerikanischen Literatur Herman Melville („Moby Dick“) verdankt. Dem die Mannschaft der Harpooners ihren Namen entlehnten. Und dessen Denkmal das Collegegelände weithin überragt.  Guert Affenlight zu jener Jahre zurückliegenden Schrift „The Sperm-Queezers“ inspirierend. Der Basis seines Erfolgs, der über die Jahre hin, mangels weiterer innovativer Impulse, jedoch verblasst ist. Während ihr Autor nach wie vor immer noch davon zehrt. Als demjenigen, dem Owen sein Stipendium verdankt. Ergebnis einer brillanten intellektuellen Leistung und seiner nicht gering zu veranschlagenden Wirkung und Anziehungskraft auf Guert. Der jener in einem Moment absoluter Schwäche erliegt. Der er sich über weite Strecken seines Lebens nicht immer im notwendigen Umfang bewusst war. Mit dem Ergebnis, in Pella über eine ihm Schwierigkeiten bereitende Tochter zu verfügen. Ihm mit ihrer Rückkehr ans Westish-College die Aussicht bescherend, den bislang von ihm genutzten präsidialen Dienstwohnsitz mit einem gemeinsam zu nutzenden, nicht minder  repräsentativen Haus auf dem Collegegelände zu tauschen, das sowohl seinem Geschmack und Stil entspricht als auch Alter und Stand angemessen ist. Solange, bis die Bombe platz und er und Owen auffliegen.

Im damit verbundenen Bewusstsein, den Zenit seiner akademischen Laufbahn bereits hinter sich zu haben, bleibt Guert nicht erspart, dass das College-Establishment  zum Ausdruck bringt, ihm unbequem geworden zu sein. Sodass es Guerts Affäre mit Owen zum Anlass nimmt, ihm den Rückzug von seinem Amt nahezulegen. Mit inzwischen 60 Jahren dafür prädestiniert, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Der eigentliche Skandal in seinem Fall besteht aber darin, mit der Affäre mit Owen gegen ein ehernes Gesetz verstoßen zu haben, das Professoren jeden sexuellen Umgang mit Studenten untersagt. Im Fall Guerts kommt dem erschwerend hinzu, dass seine homosexuell konnotierte Affäre mit Owen alle notwendigen Voraussetzungen zu ihrer Skandalisierung bietet. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem auch Pella ihrem Vater auf die Schliche kam. Im Rahmen ihrer eigenen Affäre mit Mike Schwartz, Trainer ihres Baseball-Teams, als auch mit dessen Schützling Henry.

Dem es ungeachtet seines unaufhaltsamen sportlichen Abstiegs gelingt, zum Erfolg seines Teams beizutragen. Zwar nicht mehr als Shortstop seiner Mannschaft, also in der ersten Reihe, aber im Hintergrund. Um seinen Kopf damit doch wider Erwarten aus dem Sumpf zu ziehen. Und zwar mit Unterstützung Pellas und Mikes, der nicht ahnt, dass auch diese ihre Finger mit  im Spiel hat.

Womit der Roman endgültig Fahrt aufnimmt und unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegenstrebt. Kulminierend im bestürzenden und verblüffenden Herztod des Präsidenten Guert Affentlight. Der seinen Abgang offenbar einer Herzschwäche verdankt. Nicht ausschließend, selber Hand angelegt zu haben, was aber offen bleibt.

Dem Skrimmer abverlangend, sich zur Eindämmung seiner Panik-Attacken einer psychologischen Beratung zu unterziehen, in deren Verlauf es Dr. Rachel gelingt, zur Auflösung seiner Fixierung auf Schwartzy, als dessen Muschi, beizutragen. Der sich dieser aus sportlichen Motiven bediente, um den Skrimmer damit eng an sich und die Mannschaft zu binden. Was die Voraussetzung dafür war, ihn seinem unmenschlich anmutenden, militärischen Drill zu unterziehen. Was dem Roman zu  weiteren Höhepunkt verhilft,  auf der Ebene sowohl sportlicher als auch menschlicher Höhen und Tiefen.

Trotz seiner mehr als 600 Seiten bin ich jedoch  immer noch weit davon entfernt, mich in der „Kunst des Feldspiels“ auszukennen. In die ich dennoch gerne eingetaucht bin. Weil die mit der Lektüre des Romans verbundene Spannung auf nicht einer einzigen seiner Seiten davon beeinträchtigt war. Die mich alle in Atem gehalten haben. Weshalb ich  einräumen muss, mich im Rahmen meiner atemlosen Lektüre des Romans, nicht ein einziges Mal gelangweilt zu haben. Als  Ergebnis seiner Intensität und Magie, die seine Lektüre zu einem Ereignis machen  Entsprechend jenem seinem Klappentext zu verdankenden, aber gleichwohl ernstzunehmenden Hinweis darauf: „Wer wissen will, was es bedeutet, hier und heute ein Mensch zu sein, muss dieses Buch lesen!“

Chad Harbach: „Die Kunst des Feldspiels“. Roman, 607 S., Dumont Verlag, Köln, 2012. In der Übersetzung von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass.

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