Au Revoir. Auf wiedersehen im neuen Jahr. Queerer Rückblick und Vorausschau.

„Der Wahnsinn hat Methode, wenn er Realität wird“ – so Georg Diez, Spiegel-Online-Kolumnist, (nach Shakespeares Hamlet, 2. Aufzug, 2. Szene). Was sich bei Dirk Ludigs auf Siegessäule-Online, folgendermaßen liest:  „Der Lack der Zivilisation ist dünn und brüchig“. In Anlehnung an einen Vortrag Martin Danneckers  über das „jederzeit kündbare Duldungsverhältnis … konservativer Kreise und der Kirche“ gegenüber der Queeren Community. Davor warnend, uns in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen.

In Slowenien genügten 63 % Ja-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 36 % um die Gleichheit von LSBTI vor dem Gesetzt zu kippen. Ein Sieg für Miss Homophobia in Gestalt derer von Storch, Kelle, Beverfoerde und ihren konservativ bis reaktionär gesinnten Verbündeten im Vatikan, in der NPD, bei PEGIDA, AfD und dem sogenannten „Konservativen Aufbruch“ junger Schnösel in der bayerischen CSU, deren Erklärtes Ziel im Sturz Muttis als Kanzlerin besteht. Allzu lange haben wir uns auf sie verlassen und darauf, die Dinge zu richten und erforderlichenfalls geradezurücken. So sie will. Was aber zunehmend fraglich ist. Bei einer Kanzlerin, die sich gerne an Stimmungen im Land orientiert.

Was, wenn die Stimmung umschlägt? Wer bietet dann Orientierung im Chaos von Bürokraten und verfehlter Einwanderungspolitik. Deren Folgen nicht die dafür Verantwortlichen, sondern die zu spüren bekommen, die es am wenigsten verdient haben und am ehesten auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Was Flüchtlinge mehr als uns betrifft. Aber auch wir, als Queer, sind damit konfrontiert. Unter andrem als Ergebnis des Misslingens der politischen Absicht, unsere Belange im Artikel 3 GG zu verankern. Als Voraussetzung zur Gleichstellung mit der Mehrheitsbevölkerung.

Dem begegnet Bundestagspräsident Lammert und seine CDU/CSU-Gefolgschaft mit einem gewieften Schachzug von besonderer Perfidie. In Gestalt des scheinbar progressiven Vorschlags der grundgesetzlichen Verankerung des „Lebenspartnerschaftsrechts“  – zur Zementierung der Ungleichheit und des Vorrangs der Ehe von Mann und Frau. Und das mit Duldung des jeweiligen Koalitionspartners. In diesem Fall der SPD Sigmar Gabriels.

Fakt ist, dass die queere Community gut beraten ist, keinen leeren Versprechungen welcher Couleur auch immer zu trauen, sondern auf die eigene Stärke zu bauen: Einer konsequenten Vertretung der eigenen Interessen durch uns selbst – in allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen. Um uns erst in zweiter Linie auf die Unterstützung sich anbietender Bündnispartner zu verlassen. Etwa im Fall der Grünen, im Hinblick auf eine zu erwartende schwarz/grüne Regierungskoalition. Was angesichts der 2017 anstehenden Wahlen ins Haus steht. Als Partnerwechsel zwischen der jetzt noch regierenden SPD mit den Grünen. Mit der vorläufig nicht kleinzukriegenden regierenden eisernen Kanzlerin Angela an der Spitze. Deren Partei um des Machterhalts willen davon absieht, sie in die Wüste zu schicken. Weil kein Ersatz für sie in Sicht ist. Auch nicht in Gestalt ihres Gesinnungszwillings Julia Klöckner, nach einem entsprechenden Wahlsieg in Rheinland-Pfalz. Der Kanzlerin als allzeit bereites Sprachrohr dienend.

Solange die grundgesetzliche Verankerung queerer Rechte (im Artikel 3 GG) auf sich warten lässt, sind wir nicht nur aufgeschmissen, sondern darauf angewiesen, uns einzumischen. Und das nicht nur einmal im Jahr, beim jährlich wiederkehrenden CSD. Der in Berlin vor zwei Jahren umstritten war. Die Zeit seitdem diente dazu, den Kopf frei zu kriegen. Zum sortieren auch gegensätzlicher Erfahrungen. Mit denen wir im Verlauf des hinter uns liegenden Jahres konfrontiert waren. Unter anderem unterm Eindruck, dass die jeweilige homosexuelle Orientierung nicht in jedem Fall als verbindende Klammer dient. Weil sich empfiehlt auch persönliche Absichten einzubeziehen. Bezogen auf das um unsere Spaltung bemühte Kalkül des vorzugsweise um den eigenen Vorteil bedachten Egos. Das sich zu seiner Profilierung des Angriffs auf einen den Menschenrechten verpflichteten Vorkämpfers schwuler Rechte bediente. Um dessen in Köln beschlossene und inzwischen dort vollzogene Ehrung zu hintertreiben. In Verfolgung eigener Ziele. Zur Schärfung des eigenen Profils. Mit dem Ergebnis, es innerhalb des Spektrums rechts/links mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, um darüber auch ein Stolpern in Kauf zu nehmen. Wie es am Beispiel des inzwischen abgelösten früheren Chefredakteurs des schwulen Magazins MÄNNER der Fall war.

Dem Produkt eines Verlags, dem sein Gründer, Bruno Gmünder, als Namensgeber diente. Sich nach einer auf die Krise seines Imperiums folgenden Konsolidierungsphase erneut davon verabschiedend. Nicht ohne angesichts des ihn erwartenden (Un)Ruhestands, zu verlautbaren, sich mit der Entlassung (s)eines Chefredakteurs schwer getan zu haben. Weil sie offenbar gegen seinen Willen erfolgte.

Ein solcher Hinweis sollte stutzig machen. Weil sich dahinter der Wille zur Einflussnahme verbirgt, die sich ausschließlich auf wirtschaftliche Macht stützt. Während im Fall des Nachfolgers im Chefredakteurssessels die Hoffnung besteht, es besser zu machen. Um sich und dem Unternehmen bessere Dienste als sein Vorgänger zu leisten. Und anders als dieser eine glückliche Hand zu beweisen. Wofür ich ihm Glück wünschen möchte. Und Chefs, die sich nicht dauernd in personelle oder politisch motivierte Entscheidungen einmische, um in der Szene eine (unrühmliche) Rolle zu spielen.

Was im Fall der SIEGESSÄULE kaum zu befürchten sein dürfte.  Unter seit Jahren erfolgreicher lesbischer Ägide. Angenehm damit aufgefallen, sich in der Krise des Berliner CSD vor zwei Jahren als Orientierung angeboten zu haben. Bezogen auf die Frage, ihn zu unserem CSD zu machen und ihn nicht denen zu überlassen, die vor allem kommerzielle Interessen damit verbinden.

Doch sollten wir den bevorstehenden Jahreswechsel nicht nur im Hinblick auf den CSD zum Anlass nehmen, unser Augenmerk darauf zu richten, nicht die alleinige Gelegenheit zum persönlichen Engagement zu bieten. Weil es Projekte gibt, die dringend auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Praktisch und finanziell. Wie im Fall des LSVD beispielsweise, diverser AIDS-Hilfen, von Mann-O-Meter oder der Schwulen- und Lesbenberatung etc. Um mich nur auf sie zu beziehen. Die alle hervorragende Arbeit leisten – in ihrem jeweiligen Bereich.

Was im hinter uns liegenden Jahr auch durch die Notwendigkeit zur Unterstützung queerer Refugees bestimmt war. Wie es auch im kommenden, vor uns liegenden Jahr 2016 der Fall sein wird. Auf der Grundlage der Bereitschaft ihrer Unterstützung in allen Bereichen. Angefangen bei der notwendigen Sprachförderung, sowie Unterbringung und Arbeitssuche. Ganz zu Schweigen vom Schutz vor Diskriminierung.

Worüber wir nicht versäumen sollten, die Erinnerung an alle die zu pflegen, die wir vermissen. Um zu vermeiden, in Vergessenheit zu geraten. Und das nicht nur einmal im Jahr. Aus Anlass des Welt-AIDS- Tages und des ihn jeweils am Vorabend einläutenden Trauerzuges der Berliner AIDS-Hilfe. Der diesmal leider nur mäßig frequentiert war. Mit deutlich weniger Teilnehmern, als in den vergangenen Jahren. Was möglicherweise der Grund dafür ist, ihn im vor uns liegenden Jahr vom November auf den Mai vorzuziehen. Weil damit auf bessere klimatische Bedingungen zu hoffen ist.

Das Wetter sollte aber nicht unser Handeln bestimmen. Auch nicht unterm Eindruck  den Klimawandel ankündigender Vorzeichen. Die einen üblicherweise im Frühling in Blüte stehenden Strauch auf meinem Balkon mitten im Winter zum Blühen bringen. Über Charlottenburgs Dächern .  Meinem Standort und Lebensmittelpunkt seit vier Jahren. Unterm Dach des Lebensort Vielfalt. Dem queeren Mehrgenerationen-Projekt der Berliner Schwulenberatung.

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