Tanz der Dumpfbacken. Falk Richters „Fear“ an der Schaubühne Berlin

Anders als „Smalltown Boy“, Falk Richters am Berliner Gorki erfolgreichen Inszenierung, erzählt „Fear“ an der Berliner Schaubühne keine uns spontan vereinnahmende und berührende Geschichte. Was eine ihrer Stärken ist. Aber auch Schwächen in sich birgt. Weil das Kaleidoskop eines schmalen Ausschnitts bundesrepublikanischer Wirklichkeit nichts anderes als das beschreibt.

Wohl aufgrund der Fülle des unterzubringenden Stoffs einen spürbar überfrachteten Eindruck vermittelnd. Mit dem Ergebnis, keine einheitliche starke, sondern zuweilen an manchen Stellen zerbröselnde Wirkung zu erzielen, die nicht der eines geschlossenen, sondern nach allen Seiten hin offenen Reigens entspricht.

Stark, wo es gelingt, Abgründe sichtbar zu machen. Etwa am Beispiel des absoluten Mangels an Identität von Angehörigen der sogenannten PEGIDA-Bewegung. Die sich als Verlierer des Systems deutscher sozialer Marktwirtschaft begreifen. Die wir schlaglichtartig in ihnen verkörpert erfahren. Vor dem Hintergrund ihrer absoluten Unfähigkeit zur Selbstartikulation. Angesiedelt auf der Ebene des Bewusstseins, im Rahmen des uns vertrauten, demokratisch legitimierten Systems BRD keine Rolle zu spielen. Als Ergebnis des spürbaren Mangels an sie dafür berechtigenden Fähigkeiten, die ihnen erst die Teilnahme daran ermöglichen würde. Als Voraussetzung dafür, ihnen einen Platz in ihrem Rahmen zu sichern. In einer im nicht aufzuhaltenden Wandel begriffenen Bundesrepublik. Innerhalb der  sie weder über ein entsprechendes Talent dafür, noch entsprechende Fähigkeiten  verfügen. Abgesehen von der dumpfen, sie erschütternden, im Wachsen begriffenen Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit, eine Rolle zu spielen.

Abgehängt vom Arbeitsmarkt, der spezialisierte Kenntnisse und Fähigkeiten voraussetzt, an denen es ihnen mangelt. Was ihre Anfälligkeit fördert – für alles, was dazu dient, das Vakuum in ihnen mit heißer Luft zu füllen. Die sie antreibt,  sich ein Gefühl der Befriedigung zu verschaffen. Anknüpfend an der vage erinnerten, dumpfen und dunklen Identität ihres vermeintlichen Deutschtums, um das sie unablässig kreisen. Was sie dazu bewegt,   gebetsmühlenartig vor Deutschlands Untergang zu warnen. Ohne Bewusstsein dafür, dass dessen Schicksal bereits mit dem  Untergang des Dritten Reichs 1945 besiegelt war und mit diesem zu Grabe getragen worden ist.

Als dem Auftakt zu einem neuen Kapitel deutscher Geschichte. In Gestalt der uns gegenwärtigen bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Einer vor allem auch wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Und der Basis zum für Deutschland inzwischen charakteristischen Wohlstand. Durch den es über eine starke Anziehungskraft nach Außen verfügt. Und über eine magische Wirkung auf alle, die in den vergangenen Jahren erfolgreich daran beteiligt waren. Vor dem Hintergrund von Deutschlands Wiederaufstieg im Herzen Europas. Wieder eine Rolle spielend, im Konzert der internationalen Mächte. Ungeachtet der Furcht Dritter davor, Ansprüche darauf geltend zu machen, wieder die erste Geige zu spielen. Im Rahmen der Wirklichkeit beider deutscher Teilstaaten nach dem Krieg erfolgreich vermieden.

Eine der Stärken der Inszenierung Falk Richters besteht nicht zuletzt  darin, deutlich zu machen, dass mit der Vereinigung beider deutschen Teilstaaten zu einem einheitlichen Ganzen, vor 25 Jahren, was ins Kippen geraten ist. Weil die im Osten der Republik abgehängten Schichten der Bevölkerung,  anders als die im Westen erfolgreich Agierenden, über kein Bewusstsein dafür verfügen, einen Teil des Wohlstands, an dem sie auf HARTZ IV- oder Sozialhilfeniveau partizipieren, denen zu verdanken, die inzwischen gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft den Humus dafür bilden, in dem Deutschlands Erfolg in Europa und in der Welt begründet ist.  Den es auch seinen inzwischen integrierten sogenannten Gastarbeitern verdankt. Als Land mit einer der höchsten Produktionsraten und geringsten Arbeitslosigkeit.

Unser aller Bewusstsein prägend, wovon die Dumpfbacken in NPD, PEGIDA, AfD jedoch nichts wissen wollen. Ebenso wenig wie rechtskonservative Kreise katholischer Provenienz. Sowie die Schnösel des sogenannten konservativen Aufbruchs der bayerischen CSU, einem Kanzlerinnen-Abwahl-Verein.

An nichts anderem orientiert, als der Abschaffung der von Merkel verkörperten Willkommenskultur derjenigen, die Beifall dafür finden, den andere schmerzlich vermissen. Im vagen Bewusstsein davon, nicht dafür prädestiniert zu sein, solchen einzuheimsen. Weil sie keine einzige Voraussetzung dafür erfüllen und deshalb aufgeschmissen sind. Was sich in ihren dumpf artikulierten, durch nichts zu rechtfertigenden Parolen entlädt: „Deutschland den Deutschen!“

Zur Jagd auf diejenigen einladend, die anders als sie, scheinbar vom deutschen Wohlstand profitieren. Stellvertretend für jene, die aufgrund ihrer deutschen Nationalität auf ihrer Teilhabe daran pochen. Um ihrerseits von dem von anderen als ihnen geschaffenen Wohlstand zu profitieren. Wer, wenn nicht sie! Als in Deutschland Geborene. Die sich aufgerufen fühlen, dies durch nichts zu rechtfertigende Privileg für sich zu reklamieren. Gegen alle, die von Außen in unser deutsches Staatsgebiet eindringen und es für sich zu vereinnahmen beabsichtigen. Als Opfer von Krieg und Gewalt überall in der Welt.

Was im Bewusstsein deutscher Dumpfbacken keine Rolle spielt. Weil sie sich davon bedroht fühlen. Über kein Bewusstsein dafür verfügend, dass das System Deutschland auf der Grundlage der Bereitschaft zur Teilung des gemeinsam erwirtschafteten Wohlstands basiert. Was immer dann infrage gestellt ist und in Schieflage gerät, wenn es Teile der Bevölkerung gibt, die als Benachteiligte davon ausgeschlossen sind. Wie es gegenwärtig im Bewusstsein derer verankert ist, die aufgrund mangelhafter Selbstwahrnehmung meinen, darauf angewiesen zu sein, sich der in Dresden und andernorts beheimateten PEGIDA-Bewegung als Sprachrohrs zu bedienen. In dessen Schutz sie sich auf die Straße wagen. Unter den der „Lügenpresse“ und den politischen Machtinhabern,  Deutschlands Untergang betreibend, zugedachten Galgen.

Stark ist die Inszenierung auch dann, wenn sie innere Verbindungen sichtbar macht, zwischen bekannten Wortführer/innen der Bewegung mit dem 1945 untergegangenen System Deutschlands in Gestalt des Dritten Reichs. Blitzartig zum Vorschein bringend, es etwa im Fall Beatrix von Storchs, geborener Herzogin von Oldenburg, mit der Enkelin von Hitlers Reichsfinanzminister zwischen 1933 und 1945, dem Grafen Schwerin von Krosigk zu tun zu haben.

Die im Verein mit den Birgit Kelles, Gaby Kubys, von Beverfoerdes die Speerspitze einer Bewegung bildet, der sich die AfD Frauke Petrys und Björn Höckes als Feld zur Rekrutierung ihrer Anhängerschaft bedient. Gipfelnd in einem von ihnen bewusst genährten Deutschtum. „Erfurt muss deutsch bleiben!“ Suggerierend,  dem Untergang geweiht zu sein. Vor dem Ansturm von sogenannten Flüchtlingshorden, die es zurückzuschlagen gilt.

Ihr auf der Bühne inszenierter Hexentanz bildet eine der Grundlagen des Erfolgs  Falk Richters beim Publikum eines am 8. Januar d. J. ausverkauften Hauses der Schaubühne Berlin. Nach erfolgreich abgewehrter richterlicher Verfügung, sie zu verbieten. Wie es dem Wunsch  davon Betroffener entsprochen haben würde. Für die dergleichen schwer zu verkraften ist. Die sich sich das jedoch auf der Grundlage des durch den Kunstanspruch beeinträchtigten Persönlichkeitsrechts gefallen lassen müssen.

Und das alles getragen von dem wunderbaren, starken Ensemble von Darstellern/ innen, die neben ihrer sichtbaren körperlichen Präsenz über den Vorzug ihrer Wandlungsfähigkeit und der Bereitschaft zum raschen Wechsel ihrer Identität verfügen und damit bestechend wirken. Sodass es nichts daran auszusetzen gibt.

Wenn die Inszenierung trotzdem an manchen Punkten den Eindruck keines stringenten inneren Zusammenhangs vermittelt, dann ist das überwiegend, wie bereits zum Ausdruck gebracht,  der Überfrachtung des Stoffs geschuldet, mit allem, womit wir vor dem Hintergrund des gewachsenen Bewusstseins des Demonstrationsrechts für alle, auch diejenigen konfrontiert sind, deren absolute Überforderung  auf der Unfähigkeit basiert, über den Rand ihres jeweils eigenen Brunnens hinauszublicken. Und deshalb dringend auf die notwendige Erweiterung ihres Horizonts angewiesen sind. Woran es ihnen vor allem mangelt.

Dies sichtbar zu machen ist eines der Motive für Falk Richters Inszenierung und ihres nichts rechtfertigenden Verständnisses  für alles, was unter dem Begriff „Deutsche Angst“ agiert, die PEGIDA zu ihrer gegenwärtigen Wirkung verhilft.

 

 

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