Jubiläumsfeier: 35 Jahre Schwulenberatung Berlin, 10 Juni 2016

Das SchwuZ war nicht als Location in der Neuköllner Rollbergstraße, aber als Institution (Gründung 1977 in der Schöneberger Kulmerstr. 20a, dritter Hinterhof) der ideale Rahmen für die Jubiläumsfeier der Schwulenberatung Berlin.

Wie immer bei solchen Veranstaltungen nehmen die Elogen der Glückwünsche von Vertretern der politischen Institutionen den breitesten Raum ein. Anwesend waren Repräsentanten der Bundesregierung und des Berliner Senats. Am anrührendsten der Beitrag Reinhard Naumanns, Bezirksbürgermeister Charlottenburg-Wilmersdorfs, der inzwischen mit einer Legende ausgestattet ist, die von seiner Seite aus keiner Erwähnung bedarf, weil sie seit seiner den Lebensort Vielfalt eröffnenden Rede vor vier Jahren in unseren Köpfen verankert ist. Vor 35 Jahren hatte er es als junger Student einer Comingout-Gruppe der damals frisch gegründeten Schwulenberatung zu verdanken, dass ihm dieser Prozess spürbar erleichtert worden war.

Diesmal überreichte er dem Geschäftsführer Marcel de Groot einen Artikel aus dem Archiv des Berliner Tagesspiegel aus jener Zeit, der Auskunft darüber gab, dass die Bezirksverordnetenversammlung Tiergarten die Streichung von zwei Volkshochschul-Kursen beschlossen hat, die der Förderung des Selbstbewusstseins und Comingouts von Schwulen und Lesben dienten. Die Zustimmung zu diesem Antrag erfolgte unter federführender Beteiligung von SPD und CDU mit 8 gegen 4 Gegenstimmen der damaligen Alternativen Liste (heute: Bündnis 90/Grüne).

Anders als von der Moderatorin Margot Schlönzke (die zusammen mit Herr Kuschner, oder war es Herr Kaminski (?) oder  Herr Kowalski (?) durchs Programm führte, handelte es sich dabei nicht um einen Scheck. War damit aber doch irgendwie auf der richtigen Spur. Wie sich im folgenden noch bestätigen wird.

Angesichts der geteilten Stimmung im  Raum, (zwei räumlich getrennte, und nur unzureichend verbundene Säle) und entsprechenden Geräuschpegels beschränkte ich mich  in meinem persönlichen Podiumsbeitrag darauf, mich bei den Mitarbeitern, dem Vorstand und Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin, Marcel de Groot, dafür zu bedanken, das Privileg genießen zu dürfen, kurz vor Weihnachten 2011, also ein halbes Jahr vor meinem Einzug in den Lebensort Vielfalt, als erster meinen Mietvertrag unterschrieben zu haben. Viel Beifall des Publikums fanden auch meine biografischen Hinweise darauf, 1972 die damalige Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) mitbegründet, und 1979 den ersten Berliner CSD mitorganisiert zu haben. Gegenwärtig: Mietersprecher des Wohnprojekts des Lebensort Vielfalt.

Was ich als solcher zur Zukunftsprognose der Schwulenberatung Berlin beizutragen hatte, beschränkte sich auf den Hinweis darauf, dass davon auszugehen ist, dass sie auch in 15 Jahren  ihr 50. Jubiläum feiern wird. Unerwähnt blieb:  Unter der Voraussetzung, dass die politischen Rahmenbedingungen dafür stimmen und sich nicht gravierend ändern werden. Was man unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht automatisch voraussetzen kann, wovon ich aber nicht ausgehen möchte.

Wichtig ist, dass man das weitere Wachstum der Institution Schwulenberatung zum Anlass nehmen wird, sie finanziell entsprechend auszustatten. Der abwesende, nur mit einem Grußwort vertretene Berliner Gesundheitssenator Czaja (CDU) hat daran erinnert, dass die Schwulenberatung nicht bereits bei ihrer Gründung, aber wenig später eine Unterstützung aus öffentlichen Mitteln erhalten hat. Die über die Jahre hin, mit wachsendem Bedarf eine dynamische Anpassung erfahren hat. Ungesagt blieb, dass der gegenwärtige Etat leider nicht dem einer sich dynamisch weiterentwickelnden, aus allen Nähten platzenden Einrichtung entspricht, in deren Fall schon bei Eröffnung des Lebensort Vielfalt absehbar war, dass die Konzentration auf einen Standort ein frommer Wunsch bleiben würde.

Inzwischen hat man einen weiteren Stützpunkt in  Mitte eröffnet und mit einer Flüchtlingsunterkunft  die Voraussetzung zur sicheren Unterbringung queerer Refugees geschaffen. Was ebenfalls eine breite, gerechtfertigte Würdigung fand. Unerwähnt blieb, dass sich die  mit Eröffnung des Hauses in der Charlottenburger Niebuhrstraße verbundenen Erwartungen, dank Modellcharakters, einmalig in Europa, Schule zu machen, nicht erfüllt haben. Weshalb sich die Politik die Frage gefallen lassen muss, neben schönen Sonntagsreden auch die notwendigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen zu haben, die das möglich machen.

In meinem Grußwort als Mietersprecher des LOV war von dem Privileg die Rede, das ich als Mieter des Hauses genieße. Vor dem Hintergrund einer Warteliste mit ca. 260 Namen derjenigen, die sich glücklich darüber empfinden würden, an meine Stelle zu treten. Wie es gegenwärtig aussieht, werden sie auf mein Ableben warten müssen.

Zwar beabsichtigt die Schwulenberatung weitere, dem Lebensort Vielfalt entsprechende Einrichtungen und Projekte. Ich bin aber, ungeachtet der damit verbundenen Verdienste, davon überzeugt, dass der Bedarf auch damit nicht mal ansatzweise gedeckt sein wird. Entsprechend dem Prinzip des Tropfen auf dem heißen Stein. Vor dem Hintergrund des rapiden Alterungsprozesses unserer Gesellschaft.

Die Gründung des LOV war von öffentlichen Zuwendungen der Berliner Lottostiftung in Millionenhöhe abhängig, entsprechend dem Berliner Parteienproporz und Stimmverhalten der in ihrem Kuratorium vertretenen politischen Organisationen, die sich 2008 für Zuwendungen der Schwulenberatung entschieden, hat es damals geklappt.  Stimmenverhältnisse können sich ändern und die für solche Projekte gegenwärtig günstige Stimmung kann kippen. Was ich nicht beschwören möchte aber auch nicht ausschließen mag. Schließlich gibt es um uns herum genügend Beispiele dafür, wie rasch das gehen kann.

In meinem Grußwort als Mietersprecher des LOV habe ich mich darauf beschränkt, an einen frühen Weggefährten zu erinnern, mit dem ich sowohl in der HAW, als auch bei der Gründung des ersten SchwuZ  zusammengearbeitet habe: Andreas Pareik. Mit ihm war ich auch fünf Jahre lang (1978 bis 1982) in der Redaktion der damaligen Berliner Schwulenzeitung verbunden. Und er gab den entscheidenden Anstoß zum ersten Berliner CSD 1979. Den ich mit ihm gemeinsam organisiert habe.  Erwähnenswert ist auch seine Teilnahme an der Gründung des ersten lesbisch/schwulen Kommunikations- und Beratungszentrums in der Kreuzberger Hollmannstraße. Leider hat er sich im gleichen Jahr, 1982, als Opfer eines Autounfalls mit tödlichem Ausgang, für immer von uns verabschiedet und war deshalb nicht in der Lage, das  35. Jubiläum der Schwulenberatung mit uns gemeinsam zu feiern.

Meine unter den gegebenen Umständen unterlassene , aber gleichwohl gerechtfertigte Kritik an der mangelnden finanziellen Ausstattung von Institutionen wie der Schwulenberatung Berlin, richtet sich nicht gegen sie, sondern geht an die Adresse der Politik, die sich mit einem solchen Vorzeigeprojekt schmückt. Und mit dafür verantwortlich ist, dass es im Rahmen ihrer Arbeit an der einen oder anderen Stelle auch mal hakt. Beispielsweise auf der Mitarbeiterseite. Von denen jeder Einzeln eine hervorragende Arbeit leistet. Aber immer hart am Limit und auf der Grundlage eines dafür notwendigen Idealismus. Aber leider bei  untertariflichen Bezügen.

Auch Forderungen der Mieterschaft des Projekts lassen oft  auf ihre Verwirklichung warten. Wenn es sich beispielsweise darum handelt, die Vollendung der Barrierefreiheit des Hause einzufordern, in Gestalt zweier Schutzgitter an Kellerabgängen, zur Gewährleistung der Sicherheit der Rollstuhlfahrer im Haus.

Auch wir  Mieter sind gefragt. Beispielsweise um mit unserem persönlichen und finanziellen Engagement dazu beizutragen, den hauseigenen Garten von einer wüsten Brache in eine blühende Landschaft zu verwandeln. Um damit gleichzeitig zur Erhöhung unserer eigenen Lebensqualität beizutragen. Eine klassische Win-Win-Situation, von der alle was haben. Das infrage gestellt zu erfahren, wie es jüngst geschehen ist, sorgt für Unruhe im Haus und bedarf des Ausgleichs.

All dass schmälert nicht die unbestreitbaren Verdienste einer Institution, für die nach wie vor der Mensch im Mittelpunkt steht. In Gestalt derjenigen Angehörigen der queeren Community, die aufgrund gesundheitlicher Handicaps, psychischer Probleme oder ihres suchtabhängigen Charakters genauso auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, wie Menschen mit HIV oder solche mit Comingoutproblemen. Auch in ihrem Fall ist davon auszugehen, längst nicht alle, die dafür infrage kommen zu erreichen. Als Ergebnis eines zu knapp bemessenen Etats. In dem nach oben noch viel Luft ist.

Davon war in den Glückwünschen der Politiker/innen nicht die Rede. Und solange das so ist, werden sie sich einer Einrichtung wie des Lebensort Vielfalt vor allem in seiner Alibifunktion bedienen und sich damit schmücken. Um damit zu überdecken, dass sehr viel mehr Bedarf an solchen Einrichtungen besteht, wie er gegenwärtig finanziell gewährleistet und abzudecken ist. Und das nicht nur zugunsten queerer Menschen, sondern auf breiter gesellschaftlicher Ebene. Weil Politiker dazu neigen, immer erst unter Druck zu handeln, wenn es fast zu spät dafür ist,  wie im Fall der sogenannten Flüchtlingswelle des vergangenen Jahres. Als dem Gegenteil vorausschauenden politischen Handelns. Zur Förderung der Unzufriedenheit der Wähler und von ebenso unliebsamen wie gefährlichen Strömungen wie der AfD.

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