„Vegane Blutwurst“ oder Shitstorm gegen Lesben

Anlass: Vorstellung einer Buchneuerscheinung des Querverlag Berlin „Selbsthass&Emanzipation“ Hrsg. Patsy L’Amour laLove , 260 S. Berlin, 2016

Ort: Schwules Museum Berlin Zeit: Donnerstag, den 22. September 2016 ab 19:00

Teilnehmende Referentinnen: Benedikt Wolf (Fabienne du Neckar), Till Randolf-Amelung, Marco Ebert, Manuela Kay (L-Mag, Siegessäule). Moderation: Patsy L’Amour laLove

Was Anfangs ein Veteranentreffen der Queeren Community zu werden versprach, hat sich dann doch als das Gegenteil davon entpuppt. Weil Angehörige meiner Generation (Veteranen der Schwulenbewegung der Siebziger Jahre in Berlin) absolut in der Minderheit waren und keine Rolle spielen sollten.

Vorhang auf! für die junge engagierte Szene akademisch geschulter hipper Polittunten, Transmenschen oder (wie im Fall Manuela Kays) Kampflesben. Die aus Anlass der Vorstellung des von Patsy L’Amour la Love herausgegebenen Bandes im Schwulen Museum versammelt waren. Als überwiegend jung, akademisch geschult und politisch orientiert zu verorten.

Vorab: Mich berührt es ungemein sympathisch, dass unsere Universitäten, allen voran die Humboldt Uni Berlin, aufregend jungen, rhetorisch geschulten und im akademischen Jargon geübten queeren Menschen, als Denkfabriken zur Verfügung stehen, um damit zu ihrer Orientierung, Selbstfindung und Verortung beizutragen, wie im Fall der bezaubernden, hinreißenden Patsy L’Amour la Love (von deren wunderbarem Namen und Pseudonym ich nicht genug kriegen kann, um es mir auf der Zunge zergehen zu lassen) die sich die Schwulenbewegung der 1970iger Jahre zum Anlass ihrer Dissertation an der Humboldt Uni Berlin nahm.

Alle vereint im Bemühen eine Schneise zu schlagen durch das Dickicht Queerer Theorie, die ihre Strahlkraft (von Manuela Kay überzeugend beklagt) längst eingebüßt hat. Ihrer Auffassung nach zur WischiWaschi-Theorie verkommen, die keinen mehr hinterm Ofen vorlockt. Was in den neunziger Jahren noch vollkommen anders war.

Die Nähe der Referentinnen (um mich an die vorherrschende Sprechweise anzupassen) zum Universitätsbetrieb bedingt einen Sprachduktus in der es von wissenschaftlich bestimmten Begriffen wimmelt, wie Heteronormativität, Homonormativität, um mich nur auf sie, stellvertretend, zu beziehen. Während mich Begriffe wie Selbsthass, Emanzipation (titelgebend) aufatmen lassen, weil auch ich mich als in die Jahre gekommene Tunte darin zuhause fühlen darf. Sinnlich leidvoll an mir selbst erfahren und darum unmittelbar nachvollziehbar. Unvergesslich das Standardkompliment Schwuler in den Siebziger Jahre, das sich bald schon als vergifteter Apfel entpuppen sollte: „Mann, dir sieht man es ja überhaupt nicht an!“

Die an die Buchvorstellung anschließende Diskussion mit dem zahlreich vertretenen Publikum sollte sich als ebenso zähflüssig entpuppen, wie das immer in solchen Fällen zu verzeichnen ist. Immerhin verstand sich die Moderatorin des Abends darauf, zum einen oder anderen Beitrag anzuregen. Als weitaus anregender habe ich jedoch ihre Persönlichkeit erfahren, die sich auch als Organisatorin kultureller Veranstaltungen wie „Polymorphia – die Terror-Tunten-Nacht“ einen Namen gemacht hat und erst jüngst im Rahmen der Trauerfeier zum  zwanzigsten Todestag Rio Reisers in der Friedhofskapelle des Alten Sankt Matthäus Kirchhofs in der Schöneberger Großgörschenstraß in Erscheinung trat, als Moderatorin und Vortragende eines Chansons des zu betrauernden wunderbaren Menschen und großartigen Künstler Rio Reiser (Ton/Steine/Scherben).

Ein Dialog der Anwesenden mit den Autorinnen ist jedoch nicht zustande gekommen. Obgleich Prof. Rüdiger Lautmann auf sympathische Weise darum bemüht war. Mit dem Hinweis darauf, den vielfach bschworenen (schwul/lesbisch/queeren) Selbsthass nicht ausschließlich zu verteufeln. Womit er aber auf wenig Gegenliebe, ja entschiedene Ablehnung stieß. Obwohl er glaubhaft zu machen bemüht war, dass Selbsthass neben seiner selbstzerstörerischen, destruktiven Kraft auch über einen produktiven Aspekt verfügt, dann, wenn er in Scham umschlägt, aus der wir die Kraft schöpfen zu dem, was wir in den Siebziger Jahren als schwul/lesbischen Stolz an uns wahrzunehmen in der Lage waren.  Durch den gestärkt wir uns mehrfach, kampfgestählt auf die Straße wagten. Was sich inzwischen auf die fast obligatorische massenhafte Teilnahme am alljährlichen CSD beschränkt. Der zudeckt, dass die Queere Community inzwischen ohne inneren Zusammenhalt dahinsiecht, gepeinigt vom zu beklagenden Selbsthass als dem Totengräber der dringend notwendigen Emanzipation.

Ein Bild, das von Klischees nur so strotzt: Insoweit als es alles immer gleichzeitig gibt. Den Niedergang der Bewegung und immer neue Anstöße zum neuen Aufbruch. Enough ist Enough, die Gruppe um Alfonso Pantisano, Organisator der Protestdemonstration vor der Russischen Botschaft Unter den Linden vor zwei Jahren, ist ein solches Beispiel. Die Bewegung der neuen Polittunten mit Patsy L’Amour laLove als ihrem Star ist auch als solches nachvollziehbar. Weil sie zu neuen Denkanstößen anregt. Wie es Tunten schon immer eigentümlich war, als Avantgarde und Speerspitze der Bewegung, die sie mit ihrer leidgeprüften und kampfgestärkten Kraft immer auf allen Feldern zum Einsatz zu bringen gezwungen waren. Theoretisch und praktisch.

Gestern abend haben wir mit dem theoriebezogenen Zweig davon Kontakt aufgenommen, in der Erwartung nicht ohn Konsquenzen zu bleiben, im Sinne des von Rüdiger Lautmann  missverständlich beschworenen queeren Stolz. Dem Manuela Kay (wenn auch nicht in dieser Absicht) zur Seite trat.

Mit ihrem Beharren auf ihrem Status als Kampflesbe, verbunden mit dem Veranstaltungshinweis auf Dyke out Today (heute, ab 21 Uhr im SchwuZ in der Neuköllner Rollbergstraße, als Diskussionsveranstaltung und Party geplant.)

Ergänzt durch den Hinweis auf einen die Veranstaltung begleitenden Shitstorm überwiegend anonymer Szene-Menschen, die unter der (titelgebenden) Bezeichnung a la „Vegane Blutwurst“ in Erscheinung treten, um die Lesben für ihre Tansmenschen  ausgrenzende Einstellung  anzugreifen: und das mit einer Entschiedenheit und Radikalität wie sie Manuela Kay als Beispiellos beschreibt.

Unter  Hinweis darauf, dass sich alle, was die Veranstaltung im SchwuZ betrifft, als dazu eingeladen betrachten dürfen, ohne Ansehen der Person, egal ob Bi, Lesbisch, Schwul, Trans oder Inter – um das ganze breite Spektrum der LGBTI-Bewegung abzudecken.

Was mich angeht freue ich mich auf die anregende Lektüre des in Rede stehenden Diskussionsbandes, in dem neben den bereits Genannten auch noch zahlreiche andere Autorinnen (unter ihnen auch Martin Dannecker) mit einem Beitrag vertreten sind und werde gegebenenfalls darüber zu berichten wissen.

 

 

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