Schwules Manifest auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin

Edward II., nach Motiven Christopher Marlows als nicht nur musikalisches Ereignis auf Deutschlands Opernbühnen.  Musik: Andrea Lorenzo Scartazzini. Libretto: Thomas Jonigk.Soviel geballte Mann/männliche Liebe im deutschen Musiktheater war nie! Das Publikum im Saal war in eigentümlicher Lähmung begriffen. Die Musik selbst hat sich dankenswerterweise in keinem Augenblick der neunzigminütigen  Vorstellung als störend bemerkbar gemacht. Weil sie über die besten Eigenschaften von Filmmusik verfügt. Dort wo schräge oder gegen den Strich gebürstete Töne zu vernehmen sind, verfügen sie über den Thrill von Hitchcockfilmen, um das Blut in Wallung zu bringen. Mit dem Ergebnis eines mucksmäuschenstillen Publikums im Saal, dessen einzige Reaktion in verhaltenem Schweigen und der ihm entsprechenden Zurückhaltung besteht, um Anflüge peinlichen Berührtseins zu überspielen; derjenigen, die sich bewusst sind, einem bedeutenden Ereignis beizuwohnen, das in dieser Form dreißig Jahre zuvor nicht so glatt über die Bühne gegangen wäre. Begleitet von ein Missfallen zum Ausdruck bringenden Buhrufen, die in diesem Fall jedoch nicht zu vernehmen waren.

Wenn doch an der einen oder anderen Stelle ein Anflug von Ablehnung spürbar war, dann in Form eisigen Schweigens und absolut sich selbst disziplinierender Zurückhaltung. In der Absicht, zu vermeiden, unangenehm aufzufallen. Begeisterung sucht und findet in der Regel andere Kanäle und Ausdrucksformen, als sie an diesem Abend spürbar sind.

Widerstand dagegen hielt sich aber in Grenzen und war nur vereinzelt, in Form abrupten Aufbruchs noch vor dem letzten Vorhang nachvollziehbar. Der Schlussbeifall war dennoch freundlich bis anhaltend. Und galt wohl eher dem Mut der Deutschen Oper Berlin, das deutsche Musiktheater mit einer solchen Inszenierung (Christof Loys) zu bereichern. Im Bewusstsein, dass das Libretto über die besten Eigenschaften eines im positiven Sinn engagierten Leitartikels verfügt, oder Pamphlets zur Unterstützung der schwulen Sache. Um keine einzelne Station der schwulen Emanzipationsbewegung der vergangenen 30 Jahr auszusparen.

Bemerkenswert die handwerklich gelungene Leistung des wie immer herausragenden Orchesters unter Leitung von Thomas Sondergard. Und der gewohnt überragende Einsatz des Bewegungschores, sowie die Leistung des Gesangsensembles, mit: Michael Nagy (Edward), Agneta Eichholz (Isabella) und Ladislav Elgr (Piers de Gaveston). In ihrem Fall ist es wohl nicht eigenem Unvermögen, sondern vor allem dem sparsamen Einsatz an musikalischen Höhepunkten zu verdanken, dass sie außerstande waren, ihrer jeweiligen Partie Glanzlichter aufzustecken.

Mit dem Ergebnis eines äußerst sparsamen Bühnenbilds und einer überwiegend verhaltenen Inszenierung, die schrille Töne vermied, und die fiebrige Atmosphäre von Falk-Richter-Inszenierungen weitgehend vermissen ließ. Mit Anleihen – immerhin – an den Montagsdemos der sächsischen Pegida-Bewegung und an sie erinnernden Sprechchören und plakativer Beschilderung.

Trotz allem, alles in allem genommen, ein gelungener, wenn auch gleichwohl anstrengender Abend, von dem ich mir mehr Höhepunkt gewünscht haben würde. Was sich im Rahmen eines überwiegend mit plakativen Mitteln arbeitenden Librettos leider nicht hat verwirklichen lassen, weil es Charme, Esprit und lyrische Anklänge weitgehend vermissen lässt. Dennoch sehenswert und ein Muss, als Ereignis, das nicht ausschließlich aus  musikalischen Gründen bemerkenswert ist, weshalb man es sich nicht entgehen lassen sollte. (Wiederaufführungen am 4. und 9. März).

Mit Spannung dürfen wir die Neuinszenierung von Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ (nach Thomas Manns gleichnamigen Novelle) erwarten. In Szene gesetzt von Graham Vickers. Premiere am 19. März an der Deutschen Oper Berlin. Mit Wiederaufführungsterminen am 22./25. März und 23. April

 

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