Eine Osterlektüre der anderen Art. Nachlese.

Regen- und Hagelschauer zu Ostern sind die ideale Voraussetzung dafür, die Feiertage nicht bei der Eiersuche im Freien oder auf der Jagd nach dem jeweils persönlichen Fetisch, aber auf meiner privaten Lederlümmelliege zu verbringen – und zwar lesend. Um meine Aufmerksamkeit einer mich in der Vergangenheit bereits verzaubernden Lektüre zu widmen. In Gestalt des neunten Bandes von Armistead Maupins Stadtgeschichten aus San Francisco: „Die Tage der Anna Madrigal“ 

… älteste lebende Transgenderaktivistin und Chefin und Mittelpunkt ihrer über Jahrzehnte in San Franciscos Barbary Lane 28 angesiedelten Hausgemeinschaft. Deren nicht aufzuhaltendes Auseinanderfallen ihr Autor (nach erfolgreichem Start seiner Serie 1993) bereits mehrfach zum Anlass nahm, sie mit weiteren, Michael Tolliver und Mary Ann Singleton gewidmeten Bänden wiederauferstehen zu lassen. Als Referenz an eine längst vergangen Ära. Und zwar mit etwas anderen Vorzeichen, wie es auch im Fall  des neuen, Anna Madrigal gewidmeten Bands nachvollziehbar ist.  In noch lebhafter Erinnerung an die Jahre des Aufbruchs und deren Ablösung durch die Ära des HIV-Virus, der an niemandem, egal ob davon betroffen oder nicht, spurlos vorüberging. Das war in San Francisco in den 1980iger Jahren nicht anders als in Berlin.

In seiner neuen Version eines uns vertrauten Stoffs, ist es dem Autor gelungen, uns nicht nur unter nostalgischen Vorzeichen damit konfrontieren, sondern einen elegisch anmutenden Abgesang damit zu verbinden. Weil sich im Verlauf der Lektüre des Romans zu Gewissheit verdichtet, das sich die Hausgemeinschaft der Barbary Lane nicht nur  aufgelöst, sondern in alle Himmelsrichtungen zerstreut hat. Vor dem Hintergrund des nicht aufzuhaltenden Niedergangs des industriellen Sektors der USA und Aufstiegs des digitalen Zeitalters – ausgehend von seinen Ursprüngen im S. F. benachbarten Silicon Valley.

Das Ergebnis davon ist zwar nicht unmittelbar im Roman, aber in Wirklichkeit anhand der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA zu besichtigen. Womit wir uns im Roman als atmosphärische Störung konfrontiert erfahren. Die sich auch als Bruch mit der Vergangenheit bemerkbar macht, und mit der untergegangenen Welt der Blumenkinder und Hippies,  die ebenfalls von S.F. aus ihren Siegeszug rund um den Globus antraten. Inzwischen nur noch in Relikten nachvollziehbar. Vor dem Hintergrund eines nicht ausschließlich holzschnittartig, sondern durchaus filigran anmutenden  Umbruchs, in Gestalt der nicht aufzuhaltenden Erosion der Zeit. Wie sie auf jeder einzelnen Seite meiner 333-seitigen Romanlektüre spürbar ist.

Mir weit über das Osterwochenende hinaus gegenwärtig. Nur unterbrochen von gelegentliche Mahlzeiten, Regen- , Schnee- und Hagelschauern, um im Anschluss daran erneut in eine vertraute Welt einzutauchen. Unterm  Eindruck, es dabei mit einer feenartig anmutenden Szenerie zu tun zu haben. Mit dem Ergebnis, des zunehmend spürbaren Wunsches, mich selbst unmittelbar darin einbezogen zu erfahren.

Etwas an dem Stoff ist diesmal aber anders als bislang, weil in ihm eine Art Verlust spürbar ist, im Sinne der sprachgewordenen Vergänglichkeit der Zeit, wie es auch am Beispiel der unterschiedlichen Protagonisten des Romans spürbar ist. Als Ausdruck des nicht aufzuhaltenden Verlusts der Jugend, vor dem Hintergrund und der Kulisse altersbedingten körperlichen Verfalls. Was  auch am Beispiel Anna Madrigals nachvollziehbar ist. Im Rahmen ihres an Arthur Schnitzler erinnernden Reigens unterschiedlichster einander ablösender Ereignisse. Unwiederbringlich dahin, samt aller verwehten Spuren, wie sie auch im Leben unserer Protagonistin eine bedeutende Rolle spielen. Mittelpunkt ihrer Wahlfamilie, deren Geschicke Anna, sie bestimmend, in die Hand nahm.

Gipfelnd im Rückblick auf ein Leben, dessen Radius den Zeitraum des hinter uns liegenden Jahrhunderts umfasst, das sich uns zur Spurensuche anbietet, Vor dem Hintergrund des Trips, zu dem Anna in Gesellschaft früherer Angehöriger ihrer Hausgemeinschaft aufbricht. Mit Winnemucca als Ziel, dem Ort, an dem sie als Andy geboren wurde und aufgewachsen ist. Um diesem im Alter von 16 Jahren den Rücken zu kehren. Einsamer Insasse eines Bordells, in dem Andys Mutter, als dessen Chefin den Ton angibt. Gipfelnd in der unausweichlichen Apotheose der ihn mit Lasko verbindenden Freundschaft, und in Andys Verrat an ihm, mit der unvermeidlichen Folge des für Lasko daraus resultierenden Todes, in den Anna sich schuldhaft verstrickt sieht. Mit dem Ergebnis, sich Jahre später an Belasko Madrigals Grab wiederzufinden, um ihren Anteil daran in Gestalt eines sie selbst betreffenden Schuldeingeständnisse zu offenbaren. Das nicht gering zu veranschlagen ist, trotz Jahrzehnten, die inzwischen vergangen sind, weil Laskos Tod auf  Andys Konto geht, also Anna anzulasten ist. Vor dem Hintergrund der damit verbundenen Erinnerung daran, sich seitdem Belasko Madrigals Familiennamen angeeignet zu haben, um sich seiner als Pseudonyms zu bedienen, und nicht ausschließlich als Anagramm ihrer selbst, das uns der Autor enthüllt: a man and an girl.

Ausdruck einer mühsam angeeigneten und zwischen den Geschlechtern changierenden Lebenswirklichkeit, die in mit Laskos Tod verknüpften Schuldgefühlen gipfeln, die Anna an seinem Grab zu schaffen machen. Unter Vorbereitung ihres eigenen unvermeidlichen, wenn auch noch nicht endgültigen Abschieds, im Verlauf des zu erwartenden Bacchanals, mit dem sich Anna auf Anregung einiger Angehöriger ihrer Wahlfamilie konfrontiert sieht. Als Tribut an ihre Person. Wie ihn Jake und Amos planen, die Erfinder und Konstrukteure eines auf Anna zugeschnittenen, einen geflügelten  Eindruck vermittelnden sogenannten Monarchen, in Gestalt eines mit Flügeln versehenen Dreirades. Um mit seiner Hilfe der Krönung des Lebens Annas, mit ihren mittlerweile 92 Jahren, zu dienen. Samt aller damit verbundenen Höhen und Tiefen.

In deren Schatten Shawna sich darum bemüht, ihren Traum von der unbefleckten Empfängnis verwirklicht zu erfahren. Im Verlangen danach, ihren nicht aufzuhaltenden Kinderwunsch zu befriedigen. Ohne bei Michael und seinem Mann Anklang zu finden und auf die erhoffte Resonanz zu stoßen. Weshalb Shawna nichts anderes übrigbleibt, als sich im Rahmen des sie erwartenden Trips um einen zufälligen Widerhall zu bemühen. Auf das Wunder der zufälligen Begegnung mit ihrem Samenspender hoffend.

Ein Wunder, das Michael auf seine Weise ereilt, in Gestalt eines bocksfüßigen Fauns, mit Fell und echten Hörnern, sowie ansehnlichem, wenn auch nicht übertriebenem, aber gut proportioniertem Schweif. Welcher ihm im Rahmen einer vorweggenommenen Todeserfahrung die Sinne raubt. Unaufhaltsam auf dem absteigenden Ast, um anderen nach ihm Platz zu machen und Raum zum Atmen zu lassen. Vor dem Hintergrund der mit dem Tribut an Anna verbundenen symbolischen Heiligsprechung ihrer Person, hoch oben auf ihrem Sitz und Thron des eigens für sie entworfenen Schmetterlingsgefährts.

Wenn der Verlag den neunten Band seines Romanzyklus zum Anlass nimmt, ihn als Letzten  zu deklarieren, lässt uns der Autor ungeachtet dessen auf eine Fortsetzung  hoffen. Weil die Geschichte seiner Protagonisten noch nicht zu Ende erzählt ist. Weshalb wir uns von ihm nicht nur eine gute Gesundheit erhoffen, sondern ihm weiterhin viel  Glück damit wünschen und Fantasie, um seinen Romanzyklus wirklich, und zwar mit einem weiteren, zehnten Band zum Abschluss zu bringen, unter  Vollendung der Lebenswirklichkeit aller seiner Protagonisten.

Im Rahmen des ihnen abgerungenen und entlehnten Romanstoffs. Als einem facetten- und phantasiereichen Konzert unterschiedlicher Klänge und Stimmen, der sich der Autor zur Orchestrierung seine Geschichte bedient. Um seine Leser damit in den Bann zu ziehen, als sprachliche Komposition aus Bildern, Musik und Gerüchen, die anklingen, um mich damit zum Lachen und weinen zu bringen.

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