Bücher für mehr als eine Saison: Denton Welch (1915-1948)

Am Beispiel des britischen Autors Denton Welch wird deutlich, trotz mehrfach in der Übersetzung Carl Weissners publizierter Romane hierzulande keinen größeren Bekanntheitsgrad erreicht zu haben. Ein Unbekannter im deutschen Sprachraum. Was vielleicht im Zustand überwiegender Schwebe begründet ist, wie es für sein  literarisches Schaffen charakteristisch ist. Nachvollziehbar anhand seines Romans „Freuden der Jugend“. Dessen Titel dazu dient, davon abzulenken, als Roman gerade das Gegenteil davon zum Ausdruck zu bringen. 

Im Alter von 15 Jahren ist es an Orvil, als der Jüngste von drei Brüdern, die Ferien mit ihnen gemeinsam und ihrem Vater,  Mr. Pym,  zu verbringen, einem englischen Kolonialbeamten in Indien. Ohne ihre Mutter, die sich bereits für immer verabschiedet hat. Mit der Orvil jedoch immer noch mehr verbindet, als mit dem ihm fremd gebliebenen Vater, dessen Gleichgültigkeit auch im Fall seines Sohnes Orvil dazu dient, ihn kalt zu lassen. Als seiner Antwort darauf, in Abwesenheit des Vaters keine andere Wahl zu haben, als die Schulzeit in einem typischen englischen Internat zu verbringen und dieses  Schicksal mit seinen Brüdern zu teilen.

Charles führt als der Älteste von ihnen bereits ein weitgehend unabhängiges und selbständiges Leben, während Ben meint, sich um seinen jüngeren Bruder kümmern zu müssen, den er im Zweifelsfall unter seine Fittiche nimmt, um im das Schlimmste zu ersparen. Solange Orvil noch immer weit davon entfernt ist, sein Leben selbst auf die Reihe zu kriegen.  Der beim Frühstück morgens immer der Erste ist, um sich anschließend rasch aus dem Staub zu machen und den Tag allein zu verbringen. Beispielsweise mit Exkursionen in die umgebende Landschaft, Wanderungen und Radausflügen in unwegsamem Geländer, manchen Sturz vom Rad nach sich ziehend, um die damit verbundene Erfahrung von der einer einsamen Kahnfahrt abgelöst zu erfahren.

Der Klappentext der Romanausgabe lenkt das Interesse des Lesers u.a. darauf, dass der Autor insbesondere durch Edith Sitwell, Granddame der englischen Exzentrik, eine Förderung und besondere Beachtung gefunden hat. In Verbindung damit ist auch von der „verzaubernden“ Wirkung des Romans die Rede, sowie von seiner „Schönheit“ und „schrillen Morbidität“. Auch andeutungsweise Perversionen und heimliche Entblößungen spielen eine Rolle. Während der Roman ungeachtet seines Titels ironischerweise den gegenteiligen Eindruck vermittelt, weil nicht von den Freuden der Jugend die Rede ist, sondern von ihren Schrecken.

Was nicht heißt, dass der Autor uns in die Irre zu führen beabsichtigt oder uns mehr verspricht, als er einzulösen in der Lage ist. Weil sich alles hinter vorgehaltener Hand, und, zur Anregung der Fantasie des Lesers, überwiegend zwischen seinen Zeilen abspielt. Weshalb keine sensationellen Enthüllungen zu erwarten sind, sondern vor allem der Nachklang des immer noch gegenwärtigen prüden viktorianischen Zeitalters des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Den Leser mit vermeintlich peinlich berührenden Erektionen konfrontierend, die im überwiegend  somnambul anmutenden Charakter seines Protagonisten begründet sind. Überrumpelt von onanistischen Anflügen, wie sie Orvils pubertärer Phase entsprechen. Um im Bild und der Vorstellung von „Schenkeln wie Seide“ zu münden. Und in  Orvils Verlangen nach dem Besitz einer roten Dreiecksbadehose, um mehr zu offenbaren als zu verhüllen. Ausdruck und Symbol der ersehnten Freiheit von allen lästigen Zwängen und des  Hungers auf das Leben,  wie es sich Orvil beispielsweise in der phallischen Form eines Eclairs offenbart. Und im überraschenden Kontakt mit dem männlichen Insassen eines roten Kanus und dessen halbwüchsigen Begleitern in seinem Alter, denn er in seinem eigenen Kahn begegnet, um sich den Kopf nach ihnen zu verrenken.

Im späteren Kontakt mit jenem wie nebenbei mit der Enge und Verklemmtheit der eigenen unaufgeklärt und sich selbst nicht bewussten Existenz konfrontiert, von der Orvil nur über eine unscharfe Vorstellung verfügt. Im Sinne des eigenen nicht stark ausgeprägten und sich selbst nicht gewissen Ich. Den Eindruck des Elends und der Verlassenheit einer Existenz vermittelnd, deren Problem darin besteht, in der Furcht vor dem drohenden „Männlichkeitsverlust“ zu gipfeln. Als Antwort auf das morbid anmutende Bild von „Blumenstängeln in brackigem Wasser“. Untermalt von schwachen Anflügen von Nekrophilie und dem Bedürfnis nach der Geborgenheit eines Sicherheit gewährleistenden Verstecks, um sich in ihm zu verkriechen. Um dem Leser damit den   Eindruck zu vermitteln, sich noch immer in einem vorbewussten Zustand zu befinden, ohne über die Vorzüge einer schlafwandlerischen Sicherheit zu verfügen.

Trunkenheitsanwandlungen sind auch mit im Spiel, denen Orvil den Sturz von einem Fahrrad verdankt, mit dem er unterwegs ist, verbunden mit  andeutungsweisen Orgasmen und dem Anblick einer Hütte in unübersichtlichem Gelände und einem ihr benachbarten Abtritt, dessen Tür die ironisch zu verstehende Inschrift schmückt: Buckingham Palace.

Sich als Feriendomizil des Manns im roten Kanu entpuppend, der Orvil mit einem Klaps auf den Hintern begegnet, den er sich von ihm gefallen lassen muss, ebenso wie den Anblick von dessen folgenlosen Nacktheit, die ergebnislos verpufft, als andeutungsweise latent sexuell motivierte Handlung; genauso gut kann es aber auch sein, ein unverklemmtes Lebensgefühl zu vermitteln. Orvil nicht ersparend, mit der Furcht darauf zu reagieren, dass mit ihm selbst vielleicht was nicht stimmt. Als Ergebnis rot angemalter Lippen und Brustwarzen.

Sowie des Austauschs eines Kusses zwischen dem älteren Bruder Charles und Aphra, einem weiblichen Feriengast. Im Hinblick auf sie ist nicht auszuschließen, ihm auf der Ebene der sogenannten besten Freundin zu begegnen,  die Orvil in ihr verkörpert sieht. Genauso gut kann es aber sein, einfach zu jung für sie zu sein, also nicht alt genug, um ihn in ihr Beuteschema einzubeziehen. Womit sie für ihn durchs Raster fällt, mit dem Ergebnis ihn erotisch und sexuell kaltzulassen und auf ihren Anblick  nicht mit Begehren zu reagieren. Womit sich der Kreis schließt, zwischen dieser Erfahrung und jener der Begegnung mit dem Mann im roten Kanu, im Hinblick auf den, als Lehrer, nicht auszuschließen ist, es in ihm mit einem Pädophilen zu tun zu haben, in dessen Augen Orvil, dank fortgeschrittener Jugend, nicht mehr seinen Erwartungeen entspricht.

Erst mit seinem sechsten Kapitel vermittelt uns der Roman den Eindruck eines satirischen und parodistischen Höhepunkts auf den Lebensstil der englischen Mittelschicht und ihrer ländlichen Variante. Beispielsweise in Gestalt von Orvils Bekanntschaft und Begegnung mit der Familie seines Schulkameraden Guy Winkle, dessen Schwester Constance ihn zum Abschluss seiner Ferien brieflich zum Aufenthalt zu sich nach Hause einlädt. Weshalb er sich auf den Weg nach Hastings macht, wo ihn Guy und Constance bereits auf dem Bahnsteig erwarten. Deren Mutter, Lady Winkle, Orvil in einem Durchgangsraum zum eigenen ehelichen Schlafgemach unterbringt, was ihm wenig behagt, der die Unterbringung in einem Hotel vorziehen würde.

Um ihm eine Abwechslung zu bieten, laden ihn seine Gastgeber zum Besuch von Guys und Constances Großmama ein, einer reichlich betagten, weit über neunzig Jahre alten Dame. Die Orvils Anblick zum Anlass nimmt, ihr antiquiertes Geschlechterverständnis zu offenbaren. Darauf aufmerksam machend, sie durcheinanderzubringen. Zitat: „Die Mädchen tragen (heute) Hosen und er (Orvil) hat so lockige Haare“.

Nicht nur sie dient dem Autor als Prototyp jener Angehörigen der englischen oberen Mittelschicht, die sich aus Bequemlichkeit dafür entscheiden, die Organisation ihres Lebens und Alltags ihren Bediensteten zu überlassen. Diese Funktion übt in Lady Winkles Fall ihr Hausdrache und ihre Bedienstete Grey aus, die sich um alles kümmert und damit über Herrschaftswissen  und die Kommandogewalt verfügt, mit der es ihr gelingt, die Lady von ihren Besuchern zu separieren, in der Absicht, ihr erschöpfendes  Klavierspiel und ihren aufreibenden Gesangsvortrag zu unterbinden. Um sich anschließend selbst um das Wohl der Gäste zu kümmern und für Orvil das schönste Gedeck aufzulegen. Während sich Constance damit tröstet: „Die arme Großmama … ist bestimmt ganz verstört, weil soviel Besuch auf einmal kam.“( S. 195/196).

Weil sich die Ferien und der Sommer dem Ende entgegenneigen ist es auch für Orvils Familie an der Zeit, sich davon zu verabschieden. Charles von seinen jüngeren Brüder, und diese gemeinsam von ihrem wieder nach Indien zurückkehrenden Vater. Als einer Art Vorgeschmack auf das Orvil erwartende Leben in seinem Internat. Mit dem Bruder Ben in der Bahn dorthin unterwegs, um ihn bereits im Vorgriff darauf, mit allen Schrecken des ihn erwartenden Internatslebens zu konfrontieren. Gipfelnd im Zusammenstoß mit Woods, einem Internatskameraden, in dem Orvil alle dessen negativen Eigenschaften verkörpert sieht. Demgegenüber er jedoch nur über einen schwach ausgeprägten Widerstandswillen verfügt. Weil Wood sich auf ihn als schwächstes Glied in der Kette bezieht, und als potentielles Opfer, auf das er reagiert, weil es ihm den Eindruck eines Mädchens vermittelt,  das er in Orvil verkörpert sieht. Ihn dazu herausfordernd, Gewalt auszuüben, um ihn damit in die Knie zu zwingen und Orvil  damit buchstäblich in den Wahnsinn  zu treiben. In Gestalt eines durchdringenden irren Schreis und Gelächters, womit er auf jenen reagiert, ohne ihm einen Riegel darin vorzuschieben. Als ihn malträtierenden sadistischen Peiniger, dessen Absicht darin besteht, Orvil nicht nur mit einer Nagelschere die Wimpern, sondern auch Fingernägel zu kürzen. Und ihn damit in Angst und Schrecken zu versetzen und in die Furcht davor, in Verbindung damit nicht davor haltzumachen, ihm auch seine Fingerkuppen  zu kappen. Unter Hinweis darauf, mit der Beschneidung seiner Wimpern vor allem einem ihr Wachstum fördernden Ziel zu dienen, und ihm damit zu ermöglichen, anschließend  um so erfolgreicher vor auf ihn gerichteten Kameras zu posieren.

Während immer noch Orvils Unterkiefer zittert, als Ergebnis seiner kaum zu unterdrückenden blinden Wut, in der sich sein Wiederstand dagegen  manifestiert, in Gestalt eines erhofften Befreiungsschlages, zu dem ihm das radikale Eingreifen seines Bruders Ben verhilft, dem er sich mittels  irren Gelächters bemerkbar machte, um ihn von seinem Peiniger zu befreien. Verbunden mit dem Eindruck jenes ganz persönlichen Wahnsinns, in dem sich Orvil die Möglichkeit offenbart, sich damit künftig vor derartigen Übergriffen in Sicherheit zu bringen.  Als Ergebnis des sich offenbarenden Wesens und Prinzips englischer Exzentrik.

Mit deren Hilfe es u. a. auch dem Geschwisterpaar Sitwell, Edith und Oswin, gelungen ist, sich ihres persönlichen Wahnsinns als Schutzschildes zu bedienen, und Paravents, den sie der  Übergriffslust Dritter entgegenzusetzen. Denen nicht passt, damit aus dem Rahmen zu fallen. Dazu in der Lage, sich mithilfe der Aura ihrer Unangreifbarkeit davor in Sicherheit zu bringen. Unter Gewährleistung ihrer intellektuellen Reputation, der sich auch die spätere Bloomsbury-Gruppe um Virginia Woolf und John Maynard Keynes   zur Gewährleistung ihres extravaganten, emanzipierten und herausfordernden exaltiert anmutenden Lebensstils bediente.

Der vor ihnen auch Oscar Wilde über weite Strecken seines Lebens dazu verhalf, den Aufstieg zum bedeutendsten Komödienautor seiner Generation und zum bewunderten Mitglied und Angehörigen des englischen Establishments seiner Zeit zu schaffen. Bis es Bosie vorbehalten war, ihn zu veranlassen, sich gegen dessen ihn bevormundende Familie stark zu machen. Gipfelnd in seiner gerichtsnotorischen Verurteilung als Fall eines Sodomiten, dem nicht erspart blieb, sich innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren hinter den Zuchthausmauern von Reading radikal von seinem bisherigen Leben abgeschnitten zu erfahren. Um dies anschließend, bei seiner Entlassung, als körperliches und seelisches Wrack hinter sich zu lassen. Das darauf angewiesen war, sich zum Aufenthalt in Paris zu entschließen, als seinem Exil. Kulminierend im frühen Tod im Alter von 48 Jahren und Armenbegräbnis des  nicht nur wirtschaftlich, sondern in jeder Hinsicht  am Boden liegenden.

In Denton Welchs Protagonisten begegnen wir der Auseinandersetzung mit den Folgen der sadistischen Auswüchse des britischen Internatssystems. In der Gewissheit, dass ihm nur sein aufkeimender Wahnsinn, in Gestalt eines irren Schreis und Gelächters, zu der erhofften Unabhängigkeit verhilft. Zur  Förderung seines Widerstands dagegen, als der Voraussetzung, sich gegen weitere Demütigungsversuche Dritter zu  wappnen. Als Ergebnis des vorbewussten, sich selbst nicht gewissen Stadiums dessen, dem es noch am notwendigen Durchblick darin mangelt, weil er über keine klar umrissene Vorstellung von sich selbst und der Welt verfügt. „Während ihn der Zug in schlingernder Fahrt unaufhaltsam zur Schule schleift“ – Als dem letzten Satz aber nicht krönenden Abschluss des Romans.

https://de.wikipedia.org/wiki/Denton_Welch

 

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