„Mein wunderbares West-Berlin“ in der Regie von Jochen Hick („Allein unter Heteros“) – Zum Kinostart in zahlreichen Berliner Independent-Kinos und weiteren acht deutschen Städten.

Vorab: Wenn mich der Film berührt hat, ist das u. a. und nicht zuletzt Klaus Schumann zu verdanken, Jahrgang 1937. Als einem der ältesten Protagonisten des Films. Der schon früh, bereits Anfang der 1960iger Jahre, in West-Berlin angekommen ist, als heißem Pflaster und unser aller Eldorado und Mekka. Innerhalb seiner Mauern, trotz Todesstreifens und Stacheldrahts, in der Lage, die Mühen der Ebene unserer jeweiligen Provinz hinter uns zu lassen, um die Halbstadt – wie von Dirk Ludigs ausdrucksstark und eindrucksvoll geschildert, wochenlang mit halber (oder voller) Erektion zu durchstreifen.

Insbesondere Klaus Schumann gelingt es im Film, mir seine Biografie auf eindringliche Weise nahezubringen. In deren Verlauf er es im Rahmen des Aufenthalts in der Stadt, zum eigenen Modelabel gebracht hat. Um damit Schlagzeile in der Boulevardpresse zu machen. Sichtbar machend, dass die Jahre seitdem nicht spurlos an ihm vorüber gingen. Samt allen damit verbundenen Höhen und Tiefen. Sowohl beruflich als auch privat. Einschließlich des Verlusts eines engen Freundes und Geliebten, als  Opfer seiner HIV-Infektion. Ihn nicht daran hindernd, der ihn erwartenden Zukunft, als demnächst Achtzigjähriger, mit vorsichtigem Optimismus entgegenzublicken. Weil in seinem Alter keiner wissen kann, was ihn erwartet. Abgesehen vom uns alle früher oder später ereilenden Abschied für immer. Als in die Jahre gekommene Tunten nicht davor zu bewahren, mit gemischten Gefühlen darauf zu reagieren; auch mich  motivierend, sie mit ihm zu teilen.

Mit den besten Wünschen für ihn. Die ich auch Udo Walz und René Koch nicht vorenthalten möchte, als weiteren Protagonisten des Films und in die Jahre gekommene  Zausel, die sich redlich  darum bemühen, jenen beiden grantelnden alten Herren in der Muppet-Show den Rang abzulaufen. Relikt vergangener Zeiten, um deren Sichtbarmachung sich Jochen Hick in seinem Film  bemüht. Als seiner persönlichen Sicht davon. René Koch beispielsweise ermöglichend, auf höchst sympathische Weise zum Ausdruck zu bringen, bei seiner Ankunft auf der Insel West-Berlin, Anfang der 1960iger Jahre, mit nichts als einer einzigen Tasche unterm Arm, hier angekommen zu sein und mal ganz klein angefangen zu haben. Damals bereits mit seinen Schminksachen unterwegs, die in seinem Leben nach wie vor immer noch einen herausragenden Rang einnehmen.

Ob ich ihm anlässlich eines Aufenthalts im KC Ende der sechziger Jahre, als seinem Revier, bereits begegnet bin, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. In nach wie vor immer noch lebhafter Erinnerung daran, das Etablissement in der Kleiststraße damals auf Einladung eines Zimmernachbarn betreten zu haben, mit dem gemeinsam ich 1967 in einem Jugendgästehaus des Senats im Grunewald untergebracht war. Beim Betreten, des KC, dank Klingel an der Tür und ausgefallenen Charakters (Nur „Herren“ vorbehalten) nicht davor zu bewahren, mit dem Gefühl der Beklommenheit darauf zu reagieren, um dann doch, unterm Eindruck, angekommen zu sein, aufzuatmen.

Richtig ist auch, dass mir die Stadt, anders als im Film, bei meinem ersten Kontakt mit ihr einen wesentlich einladenderen Eindruck vermittelt hat, als René Koch beispielsweise. Weil die Nachkriegstrümmerlandschaft bei meiner Ankunft 1967 bereits beseitigt war, und mir das Gebäude des Zoopalast (als Ort der Berlinale) bereits von den Geleisen des Bahnhofs Zoo aus winkte, in dem damals auch die Räume der Heinrich -Heine-Buchhandlung untergebracht waren, einer nicht nur buchhändlerischen Institution des alten West-Berlin, sondern Ort des Kontakts und der Begegnung, den ich nie ohne die passende einschlägige Lektüre unterm Arm und den warmen Händedruck seines Inhabers verlassen habe. Um mich anschließend im nur wenige Schritte entfernten Café Zuntz am Kudamm niederzulassen. Unmittelbar dem Kranzler benachbart, das damals den dafür berüchtigten Wilmersdorfer Witwen als Treffpunkt diente. Im großen Bogen um sie in der glücklichen Lage, im Zuntz sehr rasch Anschluss zu finden. Weil es mir nicht schwer fiel, das Interesse an meiner Buchlektüre, mit der unterm Arm ich unterwegs war, auf meine Person zu übertragen.

Vielleicht lag es aber auch nur an meiner rosaroten Brille und meinen mich optimistisch stimmenden übertriebenen Erwartungen, die vermieden haben, mit dem Anblick West-Berlins den Eindruck eines vorzugsweise trashigen Orts zu verbinden, wie im Film von  Jochen Hick. Als seinem Regisseur, den ich ungeachtet meiner persönlichen, von seiner abweichenden Sicht, dafür beglückwünschen möchte, weil denkbar ist, dass es nicht leicht war, einen solchen heißen Stoff auf die Leinwand zu bringen, von dem jeder von uns über seine ganz persönliche Vorstellung verfügt. Darum erachte ich es als  erstaunliche Leistung, diese Aufgabe erfolgreich gestemmt zu haben.

Was noch anzumerken bleibt, besteht darin, dass die Institution HAW viel zu viel Raum im Film einnimmt, in dem sich einige ältere und in die Jahre gekommene, freundliche und durchaus verdiente Herren (wie Detlef Mücke und Egmont Fassbinder sowie Peter Hedenström) vergeblich darum bemühen, zur Aufrechterhaltung ihres durch nichts zu rechtfertigenden Mythos beizutragen. Unter denen Wolfgang Theis (Gründer und Motor des Schwulen Museums Berlin, und Mitglied einer gemeinsamen WG über mehr als dreißig Jahre) mit seiner erfrischenden Offenheit aus dem Rahmen fällt, im Bekenntnisses zum Kapitalismus als der für uns konsumorientierte Tunten idealen Gesellschaftsform.

Salomé versteht es, als Repräsentantin der Feministenfraktion in der HAW, auf ihre unnachahmliche Weise darauf aufmerksam zu machen, die Niederungen von stundenlangen, ermüdenden HAW-Plenen nur strickend überstanden  zu haben. Leider hatte sie keine Gelegenheit dazu, zum Ausdruck zu bringen, dass der seit der Pfingstdemo der HAW 1973 tobende Tuntenstreit dankenswerterweise zu ihrem  Niedergang beigetragen hat. Unter Aufgabe ihres Allein-Vertretungsanspruchs der Interessen aller Schwulen in Berlin und im Abschied von der marxistischen Theorie der Unterdrückung Schwuler als Nebenwiderspruch im Klassenkampf. Trotz Niederlage des Vorschlags der Feministen zur Einführung des Rosa Winkel schwuler KZ-Häftlinge, zur Sichtbarmachung unserer schwulen Identität und Lebensweise, bei  der Abstimmung darüber in der HAW, seitdem unveräußerlicher Bestandteil unseres Selbstverständnis.

Vergleichbar Rosa von Praunheims Erfahrung, Mitte der 1980iger Jahre im „Spiegel“ einen Aufruf zum Safer Sex und Abschied von allen ungeschützten sexuellen Kontakten veröffentlicht zu haben. Mit denen er heftige tumultuöse Auseinandersetzungen unter Schwulen entfesselte, die nicht auf Anhieb davon überzeugt waren, es dabei mit einer absolut lebensrettenden Maßnahme zu tun zu haben. Leider ebenso aus dem Film ausgespart, wie die von Schwulen in Verbindung mit der Gründung der Berliner Aidshilfe geteilte Erfahrung, damit an ihrer sozialen Ader und der Bereitschaft zur Empathie für alle Betroffenen angeknüpft zu haben, um sich noch mal neu zu erfinden. Dem vorausgegangen war 1982 die Initiative zum ersten lesbisch/schwulen Komunikations- und Beratungszentrum in der Kreuzberger Hollmannstraße, Vorläuferin der heutigen Schwulen- und Lesbenberatung. Die beide, aus dem alten West-Berlin hervorgegangen, seitdem erfolgreich überdauert haben. Als Institutionen von gesellschaftlichem und sozialem Belang, im Unterschied zur Unsäglichkeit nicht abreißender verbaler Auseinandersetzungen, mit denen wir in der HAW bis zum Überdruss konfrontiert waren.

In Erinnerung geblieben ist mir auch eine Initiative der AHA, die anlässlich der Abgeordenetenhauswahlen 1977 in Berlin, Vertreter aller in ihm vertretenen Parteien zur Diskussion ins Rathaus Charlottenburg eingeladen hat. Bis zu diesem Zeitpunkt  undenkbar.

Ohne die Vernetzung mit dem SchwuZ in der Kulmerstraße 20a würden Andreas Pareik und ich kaum gewagt haben, in der Vorbereitungsphase des ersten CSD am letzten Sonnabend im Juni 1979, Abstand davon zu nehmen, die Gremien des SchwuZ, der AHA, oder des unterm gleichen Dach untergebrachten LAZ (Lesbisches Aktions Zentrum) damit zu befassen. Weil wir kein Interesse daran hatten, die Veranstaltung zum zehnten Jahrestag von Stonewall zerreden zu lassen. Darum haben wir uns nach ausführlichen Gesprächen darüber verständigt, einen Flugblattaufruf  zu verfassen, mit dem wir anschließend wochenlang in der damaligen Subkultur unterwegs waren, um die Unterstützung dafür mittels Schneeballsystems in Gang zu bringen.

Im Rückblick darauf  ist davon auszugehen, dass das Biotop West-Berlin neben vielem Unsäglichen auch Bleibendes hinterlassen hat. Wie am Beispiel des Lebensort Vielfalt, Leuchtturm-Projekt der Schwulenberatung Berlin, nachvollziehbar.  Undenkbar ohne die Erfahrung der Notwendigkeit zur Selbstorganisation der Interessen der queeren Community, als weiterem Ergebnis der Erfahrungen des alten, untergegangenen West-Berlin. Aus dem Film leider gleichfalls ausgespart. Ebenso wie die Notwendigkeit zur Gründung eines Schwulen Museums in Berlin, der Berliner Aidshilfe, von Mann-O-Meter u.v.a.m. Weil davon auszugehen ist, seinen Rahmen gesprengt zu haben. Auch Lesben sind nur in der Schlusssequenz des Films vertreten, dafür aber auf durchaus eindringliche und absolut überwältigende Weise, als Bilder von ihrem Dykemasch  (Dykes on Bikes) mit der absolut beeindruckenden Manuela Kay (Siegessäule) an ihrer Spitze.  Als ihrer Ergänzung und ihrem Korrektiv zum alljährlichen CSD.

Dem sehr sympathischen und beeindruckenden Regisseur des Films, Jochen Hick, wünsche ich, trotz persönlich motivierter Vorbehalte, viel Erfolg mit seinem Film, den ich trotz allem uneingeschränkt empfehlen kann. Weil er uns mit vielem konfrontiert, was für die Zeit des alten West-Berlin charakteristisch ist. Darunter auch zahlreiche lustige und erhellende Sequenzen. Ein Highlight des Films besteht unter anderem auch in jenem wunderbar in Szene gesetzten und in den Film einmontierten Material, in dem ein junger Schwuler in den 1970iger Jahren die Begründung für seinen Verzicht auf ein Studium liefert. Unter Hinweis darauf, sich mit seinem Wechsel nach Berlin künftig nur noch um sein Schwulsein  kümmern zu wollen. Dem nichts weiter hinzufügen ist. Als  wesentlichem Bestandteil des Selbstverständnisses Schwuler im Rahmen ihrer mit dem alten West-Berlin verbundenen Erfahrungen. Dem Regisseur des Films meinen ausdrücklichen Glückwunsch dafür, dem ich die Daumen drücke, verbunden mit der Hoffnung, uns möglichst noch mit zahlreichen weiteren Filmdokumenten zu überraschen.

 

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