Nützliche Idioten für die AfD?

Enough is Enough ist die Plattform innerhalb der queeren Community, die sich den Kampf gegen die weltweite Unterdrückung queerer Belange auf die Fahnen geschrieben hat. Nun hat sie zum wiederholten Mal zur Wahl der Miss und des Mr. Homophobia aufgerufen. Wovon in der Vergangenheit u.a. bereits Hedwig von Beverfoerde betroffen war. In diesem Jahr aber David Berger, selbsternannter Kämpfer gegen die Vorherrschaft des Islam in Europa und schwuler katholischer Dissident, sowie Alice Weidel, lesbische Spitzenkandidatin und Aushängeschild der AfD. Und Ersatz für die inzwischen fahnenflüchtige Frauke Petry. Mit deren Hilfe es der rechtspopulistischen Partei gelungen ist, sich ihrer als liberalen Feigenblatts zu bedienen. Zur Kaschierung der gesamten Meut(he) der Höcke, Gauland & Co., die anlässlich von Wahlen darauf angewiesen sind, sich einen liberalen Anstrich zu verpassen. Seit ihrem Einzug in den Bundestag aber vollauf damit beschäftigt sind, zur Jagd auf die Kanzlerin zu blasen, als ihrem erklärten Feindbild. Zur Ablenkung davon, über keine eigenen konkreten gesellschaftspolitischen Inhalte zu verfügen.

Gemeinsam mit seinem Lebensgefährten hat Berger vor Jahren mit seinem Outing und dem Bestseller „Der heilige Schein“ für Aufsehen innerhalb des Klerus der katholischen Kirche in und außerhalb des Vatikans gesorgt. Und ist damit vorübergehend zum Liebling der deutschen Fernsehtalkshowszene aufgestiegen und hat innerhalb der Berliner Community als  Chefredakteur des schwulen Magazins MÄNNER reüssiert und Furore gemacht.

Ich erinnere mich noch gut an seine Teilnahme an der von Enough is Enough „Untern Linden“ in Berlin vor der Russischen Botschaft veranstalteten Protestkundgebung gegen die Unterdrückung queerer Lebensweisen in Russland. Damals sind wir einander noch freundlich und mit Respekt begegnet, weil es schon sehr beeindruckend war, sich gegen die geballte Macht des katholischen Klerus stark gemacht zu haben.

Die Wende setzte mit der Zunahme islamischer Migranten in die EU ein. Insbesondere in Verbindung mit Angela Merkels Bekenntnis dazu: „Wir schaffen das!“ Was sie seitdem zum beliebten Angriffsziel radikaler Islamkritiker macht.  Und sich auch im Rahmen der Identifikation David Bergers damit bemerkbar macht. Und im nicht aufzuhaltenden Wandel der Einstellung der queeren Community zu ihm ausdrückt. Gipfelnd in der Entlassung als Chefredakteur des Magazins MÄNNER. Weshalb alle Verlautbarungen von ihm seitdem das Bewusstsein des für ihn damit verbundenen Bedeutungsverlusts wiederspiegeln.  Also davon bestimmt sind, innerhalb der Community keine auch nur annähernd vergleichbare Rolle mehr zu spielen. Um schließlich in der gemeinsam mit Alice Weidel vollzogenen Wahl zur Miss und zum Mr. Homophobia zu kulminieren.

Sie hat Berger auf seiner Internetplattform zum Anlass genommen, darauf aufmerksam zu machen, dass die in seinem und Weidels Fall zu verzeichnende überdurchschnittlich hohe Wahlbeteiligung vor allem und in erster Linie auf die Teilnahme ihrer gemeinsamen Anhängerschaft zurückzuführen ist, die er auf gleicher Ebene verortet, wie die lesbisch/schwule Wählerschaft der AfD  und zwar in anteiliger Höhe von 15 % innerhalb der queeren Community,  aller derjenigen, in denen beide – Berger und Weidel – ihre Basis sehen. Im Rahmen des gemeinsamen Kampfs gegen die von der AfD  so apostrophierte „linksgrün versiffte“ Linke.

Im Hinblick auf die er die Angehörigen der queeren Community als Opfer davon definiert. Derjenigen, gegen die sich der Protest der in der Gesellschaft Zukurz gekommenen und Abgehängten richtet. Die auch im Bereich der schwulen Szene als solche zu verorten sind, und als potentielle Opfer des in seinem Aufstieg nicht aufzuhaltenden Islam. Dem Berger die Absicht der Übernahme der Vorherrschaft in Deutschland und Europa zuschreibt. Der Vorschlag des deutschen Innenministers eines eigenen islamischen Feiertages dürfte dem weiteren Auftrieb verleihen. Anknüpfend an der bereits vor Jahren auf höchster politischer Ebene zum Ausdruck gebrachten Auffassung vom Islam, als einem Teil von Deutschland. Was sicherlich auch mit dazu beigetragen hat, die Islamgegner und -Kritiker zu mobilisieren und auf den Plan treten zu lassen.

Mit seinem Roman „Unterwerfung“ hat sich der französische Autor und Romancier Michel Houellebecqe an die  Spitze derjenigen katapultiert, die mit ihm  einig sind, dass das erklärte Ziel des Islam darin besteht, sich Europa, sprich das Christliche Abendland untertan zu machen. Um der islamischen Bewegung im Rahmen der französischen Präsidentschaftswahl die Funktion als Zünglein an der Waage zuzuschreiben; und dank Patts zwischen der französischen Rechten und Linken, den Spitzenplatz vorauszusagen. Das Rennen haben dann aber nicht sie, sondern  Macrons Bewegung „En Marche“ gemacht. Dessen Sieg Houllebecqes Prognose widerlegt hat.

Mit dem Ergebnis, dass Macron seitdem zur erklärten Zielscheibe und zum Feindbild nicht nur der französischen Rechten sondern auch Linken mutierte. Als  Ergebnis seiner arbeitsmarktpolitischen Reformabsichten. Auch anhand eines Wandels der Einstellung des schwulen französischen Bestsellerautors Didier Eribon zu ihm nachvollziehbar. Der aus Anlass seines Bestsellers „Rückkehr nach Reims“ in der Berliner Schaubühne vor einem Jahr – im Gespräch mit Carolin Emcke – seine  überwiegende Ratlosigkeit zum Ausdruck gebracht hat. Damals noch auf die brillante Analyse der Entfremdung der französischen Arbeiterklasse von der Linken fokussiert, und deren Hinwendung zum Front National, unter ausdrücklicher Bezugnahme darauf, über kein Gegenrezept zu verfügen. Während auch er inzwischen Macron zu seinem politischen Gegner erklärt hat. Um es andern zu überlassen, im Fall eines Scheiterns Macrons den nicht aufzuhaltenden Aufstieg des Front National zu prognostizieren

Auf fatale Weise an den Dissens innerhalb der deutschen LInken erinnernd, deren unversöhnliche Gegnerschaft den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland begünstigt hat und die Ablösung der goldenen zwanziger Jahre in Berlin durch Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933.

Anlässlich meiner Teilnahme an der Feier zum 40. Jubiläum des SchwuZ in der Neuköllner Rollbergstraße am vergangenen 30. Oktober, habe ich mich einmal mehr darin bestätigt erfahren, es in der Traditionseinrichtung der queeren Community in Berlin nicht nur mit einer geilen und coolen Location zu tun zu haben, sondern inzwischen, mit der nach dem Standortwechsel vom Kreuzberger Mehringdamm in den Neuköllner Rollbergkiez, fest dort verankerten Institution. Deren 40. Jubiläum die Bewohner eines benachbarten Seniorenheims zum Anlass nahmen, sich nicht damit zu begnügen, das SchwuZ dafür zu beglückwünschen, sondern sagenhafte 40 Torten zu backen.

Was ebenso schwer wiegt, wie die Verwurzelung des SchwuZ in seinem Kiez, besteht im Bekenntnis seiner Macher zu seiner politischen Tradition in der schwulen Emanzipationsbewegung der 1970 iger Jahre. Mit seinen inzwischen 100 Mitarbeitern erklärtermaßen vom Bewusstsein der Notwendigkeit bestimmt, daran festzuhalten und die Verbindung damit nicht zu kappen. Unter Hinweis darauf, wie rasch der Wind sich drehen kann – vor dem Hintergrund des Wechsels der politischen Verhältnisse.

Was die queere Szene in Berlin betrifft, würde ich mir wünschen, sich das Bewusstsein davon ebenfalls zu bewahren, also daran festzuhalten, vor dem Hintergrund der damit verbundenen Frage, ob es wirklich klug ist, Berger und Weidel eine derart übertriebene Bedeutung beizumessen, wie sie ihnen mit ihrer Wahl zur Miss und zum Mr. Homophobia  zuteil geworden ist. Vergleichbar derjenigen,  welche die deutschen Medien der AfD in den vergangenen vier Jahren zubilligten, um sie damit hoffähig zu machen und ihren Aufstieg zu begünstigen.

Bergers Reaktion auf die Erklärung zum Feindbild der queeren Community macht sichtbar, dass dies offenbar zur Kompensation seines Bedeutungsverlusts beigetragen hat. Und zur Stärkung seines Egos. Weshalb er sich der Wahl inzwischen sogar rühmt. Ihn totzuschweigen wäre aber auch keine Lösung. Besser ist es also, ihm und Weidel die Rolle zuzuschreiben, die beide wirklich innehaben, nämlich die von nützlichen Idioten innerhalb einer rechten populistischen Bewegung, die sich ihrer solange als Feigenblatts und Aushängschilds bedient, als sie ihren Zwecken dienlich sind, um sich im Zweifelsfall als erste auf der Abschussliste wiederzufinden.

 

 

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Ein Gedanke zu “Nützliche Idioten für die AfD?

  1. danke für (nicht nur) diesen Text!
    Ich frage mich nur, ob nicht auch dieses zur Illustration eingesetzte Photo eigentlich schopn zu viel der Aufmerksamkeit ist?
    Liebe Grüße .-)

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