Georges-Arthur Goldschmidt: Die Absonderung. Ein jüdisches Schicksal im von deutschen Truppen besetzten Frankreich.

Georges-Arthur GoldschmidtDie Absonderung“. Mit einem Vorwort von Peter Handke. 178 S. Ammann Verlag, Zürich. „Ein Traumbuch“ Jetzt im Schwulen Literarischen Salon Berlin. Während die Zahl der Leser und Buchkäufer in Deutschland kontinuierlich abnimmt, um ca. 6 Millionen in den vergangenen 5 Jahren (laut Börsenverein des dt. Buchhandels) und die E-Book-Verkäufe bei einem Anteil am Gesamtumsatz bei 4,6 % stagnieren (20 % i.d. USA), steigt  das Interesse an Autorenlesungen oder sogenannten Lesekreisen,  in denen sich Leser in unterschiedlicher Besetzung bis zu zehnmal jährlich begegnen. Und zwar in einer Größenordnung zwischen 30 und 60 Tausend Gruppen. Um ihre Aufmerksamkeit entweder dem Vortrag eines Autors zu widmen, innerhalb der Dauer von bis zu 45 Minuten, oder sich im anderen Fall selbst über eigene Leseerfahrungen  auszutauschen.

Wie Beispielsweise im Schwulen Literatursalon Berlin – immer jeweils am 3. Freitag eines Monats. Mit der Bibliothek Andersrum des Lebensort Vielfalt als Treffpunkt. Zuletzt am 16. März dieses Jahres. Unter Teilnahme von einem halben Dutzend schwuler Männer jeden Alters. Die sich bei jedem Wetter hinaus ins Freie wagen, und das nicht nur in meteorologischer, sondern jeder denkbaren Hinsicht. Um es sich nicht nehmen zu lassen, sich aus unterschiedlichen Ecken und Himmelsrichtungen Berlins auf den Weg in die Charlottenburger Niebuhrstr. 59/60 zu machen.

Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und des Austauschs darüber war diesmal Georges-Arthur Goldschmidts Erzählung Die Absonderung. 1991 im Züricher Ammann Verlag  erschienen, dessen  Verleger vor nicht allzulanger Zeit in Berlin seine letzte Ruhestätte fand, nachdem er seinen Verlag früher bereits aufgegeben hat. Zum einen aus Altersgründen, zum anderen aber auch aus Mangel an Resonanz, sprich Nachfrage. Ein Schicksal das er mit zahlreichen, nicht nur deutschen Buchhandels-Unternehmen teilt.

Was  die Teilnehmer des Abends nicht daran hinderte,  sich auf unterschiedliche aber jeweils intensive Weise mit einem Text zu befassen,  in dem sich sein Autor mit der Problematik des eigenen Andersseins und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Ausgrenzung und Opferstilisierung auseinandersetzt. In Form eines autobiographisch gefärbten Berichts, dessen Protagonist sich im Alter zwischen 10 und  15 Jahren als Opfer widriger, für ihn nicht unmittelbar nachvollziehbarer und darum um so qualvollerer Lebensumstände entpuppt, die schwer zu ertragen sind und für ihn eine existentielle Herausforderung bedeuten. Im Rahmen des Aufenthalts in einem Internat in den südfranzösischen Savoyer Bergen. Wohin es ihn dank Verschickung dorthin, sprich Expatriierung aus Deutschland verschlagen hat. Um anderen – sowohl Mitschülern, als auch Lehrern – in  ihrer Eigenschaft als Autoritätspersonen – in der klassischen  Opferrolle zu dienen, um sie dazu einzuladen, ihren Mut an ihm kühlen. Und zwar unmittelbar, also im handgreiflichen, sprich gewalttätigen und nicht etwa übertragenen Sinn.

Mit dem Ergebnis, dass ihr Opfer die  damit verbundene  Erfahrung auf zweifache, also  doppelte Weise  kultiviert, und zwar sowohl als Qual als auch Lust daran. Vor dem Hintergrund des damit verbundenen Zustands „innerer Emigration“, als von ihm praktizierter  Widerstandsform. Wobei sich die Grenzen dazwischen verschieben und in Auflösung begriffen sind, als solche zwischen Qual und Lust. Um spätestens gegen Ende des achten Kapitels ihren Höhepunkt in einem ebenso qualvollen, wie lustbetonten,  mehrfach unterbrochenen und schließlich vollendetem Orgasmus zu finden. In Form einer eruptiv nachvollziehbaren Entladung, in der sich alle damit verbundene Erfahrung zur untrennbaren Einheit verdichtet, um schließlich in der unausweichlichen Fluchtbewegung zu kulminieren. Wie sie sich spätestens mit Beginn des neunten Kapitels vollzieht, vor dem Hintergrund der Erfahrung des Einmarschs deutscher Truppen in Frankreich, die sich ab diesem Zeitpunkt überall im Land breitmachen, um die Jagd zu eröffnen, auf alles, was nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Während alle vorangegangenen Seiten der Erzählung uns mit einem Protagonisten bekannt machen, der über nichts verfügt, als das Bewusstsein und die Identität eines vielfach Geschundenen, kulminiert die Erzählung auf ihrem Höhepunkt, im Rahmen einer Art Wegmarke, im unvermeidlichen Schritt des Protagonisten ins Freie, heraus aus der bislang kultivierten Innenansicht der Welt; weil seine absolute Ichbezogenheit ihm bislang hinderlich schien, diesen Zustand hinter sich zu lassen und den Absprung zu wagen, als Durchbruch zu sich selbst. Vor dem Hintergrund der ungebremst wirksamen deutschen Wehrmacht in ihrer Rolle und Funktion als Besatzungsmacht in Frankreich, mit dem Ziel und in der Absicht der Ausgrenzung jeglicher Form von Existenz, die ihr nicht passt und sich dafür anbietet, nicht eher darin nachzulassen, als im Fall der sprichwörtlichen „Ausmerzung'“ sogenannten unwerten, überwiegend jüdischen Lebens.  Um auch vor Angehörigen der Sinti und Roma, oder auch im Fall einer homosexuellen Orientierung nicht davor haltzumachen und  Betroffene gnadenlos unter den Stiefelabsätzen ihrer Peiniger zu zertreten. Um spätestens ab diesem Zeitpunkt im Widerstand des Einzelnen oder – als Gruppe – wie in der französischen Résistance zu kulminieren. die auch unserem Protagonisten dazu verhilft, sich vor den ihn auflauernden deutschen Schergen in Sicherheit zu bringen.

Was sich im Fall unseres Protagonisten über seinen Opferstatus hinaus zur Gewissheit seiner jüdischen Lebensform und Existenz zu verdichtet, und ihn dazu befähigt, sich auf seine unmittelbar eigenen Erfahrungen  zu stützen, die ihn als Autor befähigen, den Opfern ein Requiem zu singen.  Mit dem er uns in seiner Erzählung parabel- und symbolhaft konfrontiert. In einer Sprache, welche die Auseinandersetzung damit überhaupt erst möglich macht. Was sich als  vom Autor erlittene Erfahrung in weiteren Verlautbarungen von ihm niederschlägt, beispielsweise in der Erzählung „Ein Garten in Deutschland“ Ebenfalls in den 1990iger Jahren im Züricher Ammann Verlag erschienen. Als Verlautbarung eines Autors, dem  Peter Handke die Fähigkeit bescheinigt:   „alles über sich (zu) erzählen und doch nichts verraten.“ Indem er den Text „Die Absonderung“ als „Traumbuch“ charakterisiert, das mir als Leser den Eindruck überwiegend alptraumartiger Erfahrungen vermittelt, aber auch verwandtschaftliche Bezüge ermöglicht, als Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit sich selbst und der Ausgrenzung seines jüdisch konnotierten Andersseins. Wie sie sich auch in der Biographie des Verfassers wiederspiegelt. Weshalb sich die Frage nach der etwaigen Übereinstimmung mit homoerotisch motivierten Aspekten erübrigt, die in den Hintergrund treten. Um trotz allem miteinander zu korrespondieren. Auf der Ebene der dafür erforderlichen Empathie.

Die sich in meinem Fall auch auf  eine weitere, uns erwartende Lektüre erstreckt, in der wir uns mit dem kubanischen Autor Senel Paz konfrontieren werden, als Verfasser der Erzählung, Erdbeer und Schokolade, die vor allem als gleichnamiger Film in unserem Bewusstsein verankert ist. Um wie nebenbei und nicht zuletzt an einen anderen kubanischen Autor zu erinnern, Reinaldo Arenas, dessen Autobiographie Bevor es Nacht wird ebenfalls bereits Gegenstand der Auseinandersetzung darüber war, um tiefe Einblicke in das Schicksal eines in Kuba Inhaftierten, in die USA emigrierten, überwiegend inzwischen in Vergessenheit geratenen schwulen Autors und Opfers des HIV-Virus zu vermitteln.

Während sich die Erzählung Erdbeer & Schokolade auf einer davon abweichenden Ebene zur Lektüre und Rezeption anbietet, und zum Austausch darüber, wie sie uns im Rahmen des  Schwulen Literatur Salon Berlin im kommenden Monat als Lektüre und  gemeinsamer Austausch darüber erwartet.  Im Hinblick auf jeden, der sich davon angesprochen fühlt und über eine Affinität dazu verfügt und sich darum dazu eingeladen betrachten darf.

Und zwar für den 20. April dieses Jahres, zwischen 19:30 und 21:30 – in der Bibliothek des  Lebensort Vielfalt, in der Charlottenburger Niebuhrstraße 59/60, als unserem Treffpunkt. Voranmeldung über: gaiser-b@t-online.de oder per Nachricht über Facebook: Schwuler Literatur Salon Berlin.

 

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