Adiós a Cuba

Zwischen dem gerade vollzogenen Personalwechsel an Kubas Staatsspitze – als dem Ende der Ära Castro, den jahrzehntelangen Verantwortlichen auf der Karibikinsel vor der Küste der USA – und meiner Wiederentdeckung des Films „Erdbeer und Schokolade“ von Tomás Guiéterrez Alea aus dem Jahr 1993, besteht nur eine zufällige Parallelität.Als solche zwischen den Strippenziehern der kommunistischen Partei Kubas und dem einzigen in seinem Produktionsjahr realisierten kubanischen Film, einer Ko-Produktion mit Mexiko und Spanien. Ausgezeichnet mit Preisen internationaler Filmfestivals auf Kuba (1993) und in Berlin (1994): Preis der Jury der Berlinale und Teddy Award.

Für Generationen von Jugendlichen weltweit war die Zuckerrohrinsel in der Karibik ein Sehnsuchtsort. Was nicht den Castro-Brüdern zu verdanken war, aber Che Guevara, der Lichtgestalt der kubanischen Revolution und des lateinamerikanischen Befreiungskampfes.  Der auch die Ikone des ostdeutschen Widerstands Wolf Biermann zu einem Lied über ihn inspirierte: „Commandante Che Guevara“ (über alles, das gut und klar an ihm war…)

Dem anders als im Fall des Dissidenten Biermann der frühe, ihn verklärende Märtyrertod im lateinamerikanischen Dschungel beschieden war. Keinem Alterungsprozess unterworfen, wie der inzwischen in die Jahre gekommene Liedermacher und Revoluzzer der Ex-DDR. Dessen Rausschmiss aus dem Staat Ulbrichts und Honeckers seinen Ruf als Dissident des Systems beflügelt hat. Wovon 50 Jahre später keiner mehr was wissen will. Während Marylin, dank Medikamentenmissbrauch, und Jimmy Dean, als Opfer seiner Rennleidenschaft, nach wie vor immer noch gefragt sind. Unvergesslich. Trotz nur dreier Hollywoodfilme mit ihm, wie im Fall von Jimmy Dean.

Alle drei bildeten Ende der 1970er Jahre jenes  Triumvirat, in Gestalt ihrer Poster auf meiner Schlafzimmerwand,  die für meinen damaligen Lover, als  Vorsitzendem der Jugendorganisation seiner christlichen Volkspartei in meinem Heimatbezirk Schöneberg, ein absolutes Greuel waren und nur schwer zu ertragen.

1979 war  nicht nur das Jahr des zehnten Jubiläums des Aufstands von Schwulen und Lesben im Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street und das des ersten CSD im damaligen West-Berlin, sondern auch das Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe des Romans „Paradiso“ des bedeutendsten kubanischen Autors José Lezama Lima im Frankfurter Suhrkamp Verlag. Einem Spiegelbild des vorrevolutionären Kuba. Um in Anlehnung an Dantes „Divina Commedia“ erst im zweiten Teil, genau genommen im achten, dem Thema Homosexualität gewidmeten Kapitel, seine wahre Bedeutung zu gewinnen und Wirkung zur Entfaltung zu bringen. Als Höllentrip, der seinem Autor den Ruf eines Verfemten bescherte und den einer absoluten Persona non grata auf Kuba. Aber auch den einer Ikone für alle Widerständigen, wie im Fall des  schwulen Autors Reinaldo Arenas, als der Verkörperung der reinsten Form davon und Zeitgenosse Lezamas und dem absoluten Gegenentwurf zu den Apparatschiks der kommunistischen Partei und ihrer die Insel nach der Castro-Revolution beherrschenden kommunistischen Doktrin – eines Landes am Abgrund, ehe es Fidel gelungen ist, es den Klauen des korrupten Batista-Regimes zu entreißen und denen der US-Amerikanischen Mafia. Die die Karibikinsel als ihren persönlichen Besitz in Anspruch nahm. Mit dem Ergebnis der  überwältigenden Armut seiner überwiegend ländlichen Bevölkerung – bei einer Analphabetismusrate von annähernd 50 %.

Alle Regime, die äußerem Druck ausgesetzt sind, wie Kuba durch die USA, meinen darauf angewiesen zu sein, ihren Dissidenten und Minderheiten nicht viel Spielraum zu lassen. Dringend darauf angewiesen, sie in Schach zu halten und in Umerziehungs- und Arbeitslagern unterzubringen. Um gerade damit das Fass zum Überlaufen zu bringen. Wie es in Kuba Ende der 1980er Jahre der Fall war. Unter einigem Dampf und kaum noch unterm Deckel zu halten. Dem nur mittels staatlich gelenkter Ausreisewelle in die USA zu begegnen wer. Also zu jenem Zeitpunkt, an dem  Reinaldo Arenas das Schicksal des jahrelang auf Kuba inhaftierten schwulen Autors mit dem eines Expatriierten vertauschte, und mit dem des Opfers des einsamen Aids-Todes eines HIV-Infizierten in Miami und in den Wolkenkratzerschluchten Manhattans. Bei seinem Abschied davon überzeugt: „Kuba wird frei sein! Ich bin es bereits!“ Seinem autobiographischen Bericht „Bevor es Nacht wird“  (Dt. 1993 in der Berliner Edition dia) bescheinigt sein Landsmann Cabrera Infante („Drei traurige Tiger“) den Rang eines Meisterwerks der kubanischen Literatur.

Neben ihm nimmt sich jene schmale Novelle des Autors Senel Paz eher bescheiden aus, die erst  als Drehbuchvorlage und Film „Erdbeer und Schokolade“ eine durchschlagende Wirkung erzielt. Ein Film, der die ganze Zerrissenheit Kubas wiederspiegelt. Angesiedelt zwischen den beiden Polen der herrschenden kommunistischen Doktrin und dem unbedingten, unbeugsamen Willen von Menschen, die entschlossen sind, sich allen Widrigkeiten zum Trotz zu behaupten. Vor dem Hintergrund der morbiden Schönheit des unaufhaltsamen Verfalls Havannas, dessen Reiz sich dem Protagonisten des Films erst beim Abschied davon in seinem vollen Umfang erschließt.

Auf dem Höhepunkt der Begegnung des Lezama nachempfundenen Dichters Diego mit dem jungen Komsomolzen und Angehörigen der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Kubas und Studenten David. Der Fidels Regime und Kubas Bildungswesen den Abschied von der Existenz eines ländlichen Analphabeten und den gesellschaftlichen Aufstieg zum Studenten in Havanna verdankt. Was er durch die Bekanntschaft und zunehmende Sympathie für Diego infrage gestellt sieht. Weshalb er sich einem „Stasi“-Spitzel anvertraut, der ihm alle Härte der Ablehnung des von Diego verkörperten Prinzips der Individualität abverlangt. Dem David seinerseits mit Misstrauen begegnet. Nachdem es Diego gelungen ist, ihn beim Verzehr von Speiseeis, das dem Film seinen Namen gibt, einzuwickeln. Indem er vorgibt, alles über ihn zu wissen und über Fotos von ihm zu verfügen. Worauf David hereinfällt, der ihre Herausgabe verlangt.

Dafür ist es erforderlich Diego nach Hause zu begleiten. Wo sich diese Vorgabe rasch als Finte entpuppt. Die Diego mittels Plattenaufnahmen des Gesangs von Maria Callas zu kaschieren versucht, als dem Idol von Generationen opernsüchtiger Schwuchteln.Wie wir sie in Jorge Perugarra als Diego hinreißend verkörpert erfahren. Der in Vladimir Cruz als David über einen kongenialen Gegenüber verfügt. Der sich ungeachtet Diegos Verführungsabsich nicht für ihn erwärmen will. Diego nicht ersparend, vergeblich dagegen anzurennen, um das Bollwerk von Davids heterosexuellen Orientierung zum Einsturz zu bringen. Als aussichtslosem Unterfangen, das David dafür prädestiniert, Nancy auf sich aufmerksam zu machen. Königin des Schwarzmarkts in Havanna und Nachbarin Diegos. Die auf mystische Weise darum bemüht ist, die tief in ihr verborgene „Reinheit“ zu beschwören, um David für sich einzunehmen. Als der Voraussetzung dafür, ihn in das Geheimnis der Heterosexualität einzuweihen und den jungen  Aktivisten überhaupt zum ersten Mal damit bekanntzumachen. Dessen hinreißend männliche Schönheit und Kraft Diego die Bereitschaft zum Verzicht darauf abverlangt, sich dem Schlafenden in ihn vereinnahmender Absicht zu nähern, um stattdessen die Decke des Verzichts über den verlockenden Anblick seiner ihn reizenden Nacktheit zu breiten. Darauf angewiesen, es schweren Herzens Nancy zu überlassen, sich David untern Nagel zu reißen.

Dessen im Wachsen begriffene Freundschaft mit Diego immer mehr Gestalt annimmt. . Um schließlich,  zum Abschied von einander,  in Diegos Rolle der exaltierten Schwuchtel zu schlüpfen, die am Vorabend dessen Abschieds von Kuba, im Genuss eines bislang der Tunte von ihnen beiden vorbehaltenen Erdbeereises zu gipfeln. Um Diego dessen schokoladene Variante zu überlassen. Auf dem Höhepunkt ihrer Auseinandersetzung über den Anspruch der Partei, dem Interesse aller Kubaner zu dienen, aber nicht dem Diegos auf sein persönliches Glück, das dieser durch die kommunistische Doktrin beeinträchtigt sieht.

Der Film ist auch insoweit bemerkenswert, als er über einen musikalischen Klangteppich verfügt, der ebenso stark berührt, wie seine visuellen und intellektuellen Eindrücke. Mit einer Klavierkomposition des kubanischen Komponisten Ignacio Cervantes („Adiós Cuba“ und „Ilusiones perdidas“) als Höhepunkt davon und melancholisch stimmende Abschiedssymphonie auf das Cuba der Brüder Castro. Als Film erinnert Erdbeer und Schokolade an Heiner Carows Streifen „Comingout„, mit dem dieser am Tag seiner Uraufführung, am 9, November 1989, als dem des Mauerfalls in Berlin, den Untergang der DDR besiegelt hat.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s