Heterosexualität nein Danke

CSD Berlin in Bewegung

Die sowohl von Dirk Ludigs auf Siegessäule online, als auch von Johannes Kram auf seinem Nollendorf-Blog veröffentlichte Kritik am Berliner CSD e. V. erinnert an das Jahr 2014, in dem 3 CSDs gleichzeitig in Berlin unterwegs waren.

2020 ist die uns in Atem haltende Corona-Pandemie verantwortlich, dass der Berliner CSD nicht real, sondern nur digital also online stattfand. Was manchen nicht genügte, die sich entschlossen haben, dem auf ihre Weise zu begegnen. Mit Nasser El-Ahmad, Stefan Kuschner, Gloria Viagra u. a. an der Spitze. Im Fall der hier Genannten dürfen wir davon ausgehen, es mit ernst zu nehmenden Gründen zu tun zu haben, die sie veranlassten, den Mund aufzumachen und durch ihr Handeln Zeichen zu setzen und Tatsachen zu schaffen.

Mit fast allen verbinden mich gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen, mindestens aber das Gefühl der Übereinstimmung. Gloria hat mich mit dem Gruß an mich, hinter ihrer Maske, überrascht. Weil ich selber nicht daran beteiligt war. Als in die Jahre gekommene Tunte – ein bisschen ängstlich, was die eigene Gesundheit betrifft und Tendenz es anderen gegenüber zuweilen am notwendigen Abstand mangeln zu lassen.

Mit Nasser hatte ich bislang keinen persönlichen Kontakt. An ihm beeindruckt mich der Mut, den er an den Tag gelegt hat. Stefan finde ich hinreißend als Marie Mondieu, wie beim Empfang des CSD e.V. vor zwei Jahren im Hotel Berlin Berlin. Was aber nur eine Facette seiner großartigen Persönlichkeit beschreibt.

2018 war das Jahr, in dem aus Anlass des 40. CSD bei der Pressekonferenz des CSD e.V. im Schwulen Museum, ausschließlich starke Frauen im Einsatz waren, um damit ein Zeichen zu setzen, das auch angekommen ist. Was das Thema lesbische Sichtbarkeit betrifft.

Auch mit Johannes verbinden mich gemeinsame Erfahrungen vor dem Hintergrund seines großartigen publizistischen Einsatzes, mit dem er vielfach einen Nerv trifft und auch mir zuweilen als Orientierung dient. Darüber hinaus schätze ich ihn auch menschlich. Und mit Dirk verbindet mich u. a. die besondere Erfahrung jener Nacht des 21. Juni 2018 im SchwuZ, nachts um drei, also zur Geisterstunde, in der uns Angehörige des wunderbaren Vorstands des SchwuZ die Urkund der Ehrenmitgliedschaft auf Lebenszeiten überreicht haben. Dirk um seiner publizistischen Verdienste willen, als queerer Aktivist, und mir als Tunte Daisy, als die ich 1977 an der Gründung des SchwuZ in der Kulmerstraße 20a beteiligt war.

Dessen Eröffnung von nicht unerheblichen Querelen begleitet war. In Gestalt des Abrisses des Tresens und der Kritik am reaktionären Dimmer zur stufenlosen Regulierung der Lichtanlage, durch eine Gruppe antikapitalistischer Tunten – in einer Nacht- und Nebel-Aktion. Paul, damals Leiter des Orga-Teams, war verständlicherweise nicht davon erbaut und wollte alles hinschmeißen. Er und ich erinnern uns immer noch zuweilen daran, welcher Überzeugunskraft es meinerseits bedurfte, ihn in einem Zweistunden-Gespräch davon zu überzeugen, den entstandenen Schaden wieder zu beheben.

Der zwei Jahre später, erstmals am 30. Juni 1979 in Berlin  stattfindende CSD, aus Anlass des 10. Jahrestages der Stonewall Riots, ist nur darum zustande gekommen, weil Andreas, Jochen und ich, die an seiner Organisation beteiligt waren, wussten, dass zwischen AHA, SchwuZ und LAZ (beide unter einerm Dach untergebracht) allenfalls diplomatische Beziehungen bestanden. Verbunden mit der Gefahr, wenig aussichtsreicher Diskussionen und Auseinandersetzungen. Weshalb wir die Sache selber in die Hand genommen haben. Gemeinsam mit anderen, mit denen wir damals zur Erweiterung der Unterstützung nach dem Schneeballprinzip unterwegs waren.

Frauen waren damals zur Teilnahme daran eingeladen, aber nicht an der Organisation beteiligt. Aber trotzdem zahlreich vertreten. Unter denjenigen, die zum fraglichen Zeitpunkt, 12 Uhr mittags auf dem Savignyplatz erschienen, als unserem Treffpunkt. Als Frauen mit dem Spruch: Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch. Und als Schwule mit der Forderung: Mach dein Schwulsein öffentlich. Um uns damit von dem bis zu diesem Zeitpunkt angesagten Versteckspiel und schwulen Selbsthass zu verabschieden und damit zu unserer Sichtbarkeit beizutragen. Um in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden und eine Rolle zu spielen und auch an Einfluss zu gewinnen, nicht nur in den Medien, sondern auch politisch.

Vor dem Hintergrund der 42jährigen Geschichte des Berliner CSD zieht sich Kritik an ihm wie ein roter Faden durch seine Geschichte. Die Tatsache, dass wir damals nicht im Gleichschritt und unter roten Fahnen, sondern tanzend unterwegs waren, sorgte für Kritik. Auch ich habe in meiner Einstellung zum CSD unterschiedliche Phasen durchlaufen. Anfangs diente er mir auch als Begegnung mit Freunden. Was so leider nicht aufrechtzuerhalten war, dank zunehmenden Umfangs und späterer Unüberschaubarkeit. Im Überwiegen des Eindrucks von lauter Krach und dem Gefühl der Entfremdung von denen, die auf den Trucks unterwegs waren, um nur Abfall zu hinterlassen, in Gestalt von der BSR zu beseitigender Sektflaschen. Auch Drogen sind und waren im Einsatz, zur Hebung der Stimmung, die anders offenbar nicht herstellbar ist. Wenn es sich darum handelt, ihre queere sexuelle Orientierung und Identität sichtbar zu machen und zu feiern.

Mit dem CSD verbinde ich aber auch überwältigende, bewegende Erinnerungen. Beispielsweise im Laufe der 1980er und 90er Jahre. Als wir als Schwule von  der Notwendigkeit des Abschieds von der Zeit des Aufbruchs und der großen Gefühle bestimmt waren.  Vor dem Hintergrund des zunehmenden Aderlasses aller derjenigen, deren Abschied für immer dem HI-Virus zu verdanken war. Um in Verbindung damit an unserer sozialen Ader und Empathiefähigkeit anzuknüpfen und uns neu zu erfinden. Als Ergebnis der Trauer um den Verlust aller,  die wir vermissten. Unvergesslich die Erfahrung ihrer zahlreich in einen zigmeterlangen Quilt eingestickten Namen. Und die einer schrillen Sirene, zu ihrem Gedenken. Unvergesslich auch das Jahr 1998 in dem lesbische Frauen mit einem zur begehbaren Vagina umgebauten Wagen auf dem CSD unterwegs waren. Unter ihnen Christine Oldertissen. Um sich als sogenanntes Mösenmobil in meine Erinnerung einzubrennen. Ein Tiefpunkt besteht dagegen in jenem CSD, auf dem die Kazzo-Film-Produktion mit einem Wagen unterwegs war, um den CSD als Gelegenheit zu einer Pornofilmproduktion zu nutzen.

Aus Anlass des 30. CSD 2008 habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele lesbische Frauen davon überzeugt waren, es im CSD mit einem reinen Männerding zu tun zu haben. Sehr wahrscheinlich das Ergebnis einer schwulen Erbsünde. In Erinnerung daran, dass sich ihr Auszug aus der HAW 1971/72 und die Gründung des LAZ ohne Auseinandersetzungen und Konflikte vollzog. Weil wir als schwule Männer damals vor allem mit uns selber beschäftigt waren und es immer noch sind. Was sich im Rahmen der Vorbereitung zum ersten CSD wiederholt hat. Weil Frauen, aus den genannten Gründen, nicht an seiner Organisation beteiligt waren.

Seit 2014 bin ich gemeinsam mit Freunden von Mann-O-Meter, der Gruppe Rostfrei von Vorspiel und dem Gesprächskreis Anders Altern der Schwulenberatung Berlin als Rikschagruppe 50 Plus auf dem CSD unterwegs. Als Angebot an solche, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Und als Reaktion auf die Erfahrung, als ältere Schwule ab einem gewissen Alter keine Rolle mehr zu spielen. Also in der Absicht, damit zur Förderung unserer Sichtbarkeit beizutragen.

2017 war ich zur Entgegennahme des Soul of Stonewall Award/lokal zum CSD eingeladen. Gemeinsam mit Jörg Litwinschuh von der Magnus–Hirschfeld-Stiftung als Laudator, abends vom Eindruck tausender Menschen zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule überwältigt. Zum CSD war ich mit Fritz Schmehling verabredet, als Insasse meiner Rikscha. Von ihm leider aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Der seine Teilnahme an der Rehabilitation und Wiedergutmachung der Opfer des § 175 dank Krebserkrankung nur knapp überlebt hat. Und mir als Beispiel für alle diejenigen diente, an die ich an diesem Abend erinnerte, die alle über Jahrzehnte mit ihrem Einsatz in der Community Spuren zu hinterlassen haben, ohne uns unmittelbar an sie zu erinnern. Im Wissen darum, dass das Ergebnis ihres Einsatzes darin besteht, dass die Queere Community heute auf einem sehr viel breiteren Fundament steht, als vor vierzig Jahren. Und dass Deutschland 50 Jahre nach den Stonewall Riots nicht mehr das Land ist, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Was auch gut so ist.

Wahr ist auch, dass wir noch lange nicht am Ziel sind. Vor dem Hintergrund wieder um sich greifender Tendenzen zu Homo- und Transphobie, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus gegenüber Peoples of Color. Ganz zu schweigen von der nach wie vor immer noch virulenten Frauenfeindlichkeit. Um an die großartige Mahide Lein zu erinnern und ihren Einsatz als Ikone lesbischer Sichtbarkeit und ihres Kampfs gegen das Patriarchat. Die sich gerne auch um das Thema Sex im Alter kümmert.

Der Gedanke, dass Menschen wie Beatrix von Storch, als geborene Herzogin von Oldenburg und Enkelin von Hitlers jahrelangem Finanzminister, in der Lage sind, transsexuelle Menschen zu pathologisieren, wie aus Anlass des Gesetzes zum Dritten Geschlechtseintrag des Personenstandsgesetzes im Bundestag, ist ebenso schwer zu ertragen, wie die Tatsache, dass Menschen auf der Flucht vor Kriegen und unmenschlichen Lebensbedingungen tausendfach im Mittelmeer und Rio Grande ertrinken.

Mit den Kritikern des CSD e.V. verbindet mich das Bedürfnis, an unseren Wurzeln anzuknüpfen. Gipfelnd in meiner jahrelangen Forderung: Machen wir den CSD zu unserem CSD und überlassen wir ihn nicht denen, die bloß kommerzielle Interessen damit verbinden. Mit Johannes, Dirk, Nasser, Stefan, Gloria und allen anderen, die das so oder ähnlich empfinden, verbindet mich auch der Eindruck der Reformunfähigkeit des CSD e.V. auf der Ebene des unbefriedigenden Konsens auf kleinstem gemeinsamem Nenner. Als einem Hindernis im Hinblick darauf, auch mal starke Akzente zu setzen. Beispielsweise im Hinblick darauf, was in unserem Nachbarland Polen und Russland los ist.

Eine Erfahrung hat mich durch alle Jahrzehnte begleitet, dass Zoff in der Community  anstrengend ist, aber auch über eine klärende und heilsame Funktion verfügt. Das war beim Tuntenstreit (1973) so und im Rahmen der Auseindersetzung um den CSD e.V. 2014. Weshalb ich ein Anhänger streitiger Auseinandersetzungen bin. Auch wenn sie nervig sind. Dass Frauen jährlich auf ihrem Dykemarsch unterwegs sind, finde ich ebensowenig befremdlich, wie die Teilnahme vieler von uns am Transgenialen CSD der Vergangenheit. Mit denen mich mehr verbindet, als mich von ihnen trennt.

Dirk Ludigs macht darauf aufmerksam, dass jeder über die Möglichkeit verfügt, zu einer politischen Demonstration aufzurufen. Wie Nasser und seine Freund*Innen in diesem Jahr. Vielleicht als Weckruf für den CSD e.V., sich künftig nicht ausschließlich um seine Organisationsfähigkeit zu kümmern, sondern um die Frage, alle Gruppen der Queeren Community einzubeziehen, in ihrer ganzen Vielfalt. Wie ich sie vor zwei Jahren in dem vom CSD e.V. unterstützten Filmprojekt zweier Transaktivist*Innen, Naomi Noah Donath und Henry Böttcher wahrgenommen habe: Loud Pride- Quiet Riot. Als einem filmischen Kaleidskop des gesamten breiten Spektrums der Community. Einem vielstimmigen Chor aus Zustimmung, Kritik, Übereinstimmung und Widerspruch, von vierzig daran beteiligten Menschen der queeren Community. Unterm damit verbundenen Eindruck, erst mit dieser Vielstimmigkeit einen Eindruck von unserer Vielfalt zu vermitteln, mit der wir wenigstens an einem Tag im Jahr gemeinsam in Berlin unterwegs sind – als Lesben, Schwule, Bi, Trans* und intersexuelle Menschen, also Queers. Um uns an allen weiteren 364 Tagen gerne weiter trefflich zu streiten.

Vielleicht kriegen wir dann ja auch mal das mit der notwendigen Unsterstützung des CSD eines Tages hin, als Verein, der sich aus vielen unterschiedlichen Menschen rekrutiert, die für uns alle über das Jahr hin im Einsatz sind. Als bislang unerreichbarer Utopie. Was beispielsweise einen regelmäßigen Wechsel derjenigen bedingt, die für uns  im Einsatz sind, als Opfer eines damit verbundenen natürlichen Verschleißes aus Überforderung und Frust –  ohne die notwendige Anerkennung zu finden. Dafür aber viel Kritik. Was  durchaus mit einer frustrierenden Erfahrung verbunden sein kann und der Geneigtheit, die damit verbundenen Aufgaben anderen zu überlassen. Im Rahmen einer nicht abreißenden Fluktuation aller, die den Karren ziehen, um den Stab dann irgendwann wieder an andere weiterzureichen.

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