Garth Greenwell: „Was zu dir gehört“ – Eine Stimme des weißen, schwulen, männlichen Establishments der USA

Garth Greenwell: Was zu dir gehört. Roman. 2018, Hanser Berlin, 238 S. Übers. Daniel Schreiber, € 22      Nach wiederholter Lektüre des Romans verdichtet sich der Eindruck, dass sein Protagonist, der als Erzähler in Erscheinung tritt, mit seinem Autor identisch ist und wir es in dem vorliegenden Roman mit einer in großen Teilen autobiographischen Erzählung zu tun haben. Im Klappentext des Romans macht sein Verlag  darauf aufmerksam, es in seinem Erzähler mit einem amerikanischen Expat zu tun zu haben, der am American College der bulgarischen Hauptstadt Sofia als Englischlehrer tätig ist. Schon zum Auftakt der Erzählung wird ihr Leser mit seiner Begegnung mit einem jungen bulgarischen Gelegenheitsstricher konfrontiert, Mitko. Beide begegnen sich auf der Klappe, sprich Bedürfnisanstalt im Keller des Kulturpalasts der Stadt. Was in dem von ihnen gemeinsam praktizierten Blowjob gipfelt, mit dem das Drama seinen Lauf nimmt. Das damit beginnt, dass der Erzähler Mitkos Schwanz in den Mund nimmt und darüber selbst zum Höhepunkt gelangt. Während sein Partner nicht davor halt macht, sein Geschlechtsorgan anschließend unter fließendem Wasser einer gründlichen Reinigung zu unterziehen.

Spürbar ist, dass ihre Bekanntschaft nichts Gutes ahnen lässt. Weil irgendwas nicht stimmt, also in der Luft liegt, was dem widerspricht. Während der Erzähler nicht davor halt macht, in Mitko kleine, überschaubare Beträge zu investieren, um damit seiner  Unterstützung zu dienen, als Ergebnis seiner extrem schlechten wirtschaftlichen Lage. Weil er ohne Arbeit und Wohnung unterwegs ist: Obdachlos. Was andere in seiner Lage darin bestimmt, Bulgarien den Rücken zu kehren, um sich andernorts in Europa eine Existenz- und Lebensgrundlage zu schaffen. Weil es überall anderswo besser ist, als  im Land der Raben. Einer Bezeichnung, die dem Autor dazu diente, auf die nicht gerade rosige, sondern düstere Atmosphäre und Lage Bulgariens aufmerksam zu machen. Als Ergebnis nicht gerade rosiger Zukunftsaussichten.

Garth Greenwells Roman basiert auf überschaubaren 238 Seiten eines Texts, der sich in drei  Abteilungen und diverse Kapitel gliedert. Als Erzählung fördert der Stoff den Eindruck der Abhängigkeit beider Protagonisten voneinander. Von denen sich der junge Amerikaner als abhängig vom Suchtcharakter des mit Mitko praktizierten Sex entpuppt. Womit er auf den unbestreitbaren Reiz des jungen Bulgaren reagiert. Der ihm den Eindruck einer starken körperlichen Präsenz  vermittelt. Abhängig von der Härte von Mitkos Schwanz, um sich  daran aufzurichten. Als Antwort darauf, es in Mitko nicht etwa mit einem Unterwäschemodell zu tun zu haben, sondern dem direkten Gegenteil davon. Unterstrichen durch einen abgebrochenen Zahn. Der mit zur Steigerung der Wirkung  Mitkos auf ihn beiträgt und zur spürbaren Steigerung des Verlangens des Protagonisten nach dem Kontakt mit ihm, als Kuss, samt daraus resultierendem Orgasmus.

Dass Mitko diesen vortäuscht schmälert nicht seine Wirkung, sondern unterstreicht sie noch.  Gerade dadurch, dass er keinen perfekten, sondern überwiegend widerspenstigen Eindruck vermittelt. Beispielsweise dann, wenn es sich darum handelt, den Aufenthalt in der Wohnung des Erzählers zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen, sich also dessen Laptop zu schnappen, um im Internet zu surfen und Bekanntschaften zu vertiefen, von denen er sich einigen materiellen Gewinn verspricht, im Rahmen  privater wirtschaftlicher Ziele. Um das Verlangen des Protagonisten, sich darin einbezogen zu erfahren, nicht etwa zu schmälern, sondern noch zu vervielfachen. Ohne Rücksicht darauf, dass Mitko dank  schlechter Verfassung und wirtschaftlicher Lage darauf angewiesen ist, sich nicht darin beeinträchtigt zu erfahren, sich einem für Geld anzubieten, das im Kontakt mit Dritten wie nebenbei abfällt und nicht als Voraussetzung dafür in Erscheinung tritt.

Vor allem dem Erzähler gegenüber bemüht sich Mitko darum, seine Freundschaft zu gewinnen. Beispielsweise im Rahmen eines gemeinsamen Aufenthalts in Warna an der Schwarzmeerküste, als Mitkos Heimat und Lebensmittelpunkt seiner Familie. Dort lässt sich aber der sich anbahnende Bruch miteinander ahnen. Weil ihre Gemeinschaft nicht der eines Liebesverhältnisses sondern Zweckbündnisses entspricht und als Arrangement nur eine begrenzte Dauer verspricht und nicht auf lange Sicht aufrechtzuerhalten ist. Als Ergebnis seines überwiegend flüchtigen Charakters. So sehr Mitko sich auch strebend darum bemüht, daran festzuhalten, ist ein Scheitern bereits vorprogrammiert. Weil er sich vor allem durch die eigene Widerspenstigkeit schadet. Wenn er zu verstehen gibt, nicht von den sexuellen Launen des amerikanischen Protagonisten abhängig zu sein. Auch unabhängig von ihm bereit und in der Lage zum Höhepunkt, sprich Orgasmus zu kommen.

Was jenen naturgemäß stark irritiert, genau wie Mitkos Geständnis, keine Lust auf Sex zu haben, weil er diesen bereits mit einem anderen Klienten praktiziert hat, der ihn ebenfalls dafür bezahlt. Während der Erzähler immer gleichzeitig in der Lage ist und über die Möglichkeit verfügt, sich davon zu verabschieden und auf seinen ca, 1000 Kilometer entfernten, in Portugal lebenden Partner zu beziehen, der im Rahmen der Erzählung nur unter dem Kürzel seines Namens R. eingeführt wird und eine Rolle spielt, um dem Erzähler gegenüber die Auffassung zu vertreten, besser damit zu fahren, auf weitere Kontakte mit Mitko zu verzichten, die nichts Gutes versprechen. Was Ihren Reiz indessen nicht schmälert.

Solange wirksam und in Kraft, bis Mitko ihn mit dem Freundschaftsdienst überfällt, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass nicht auszuschließen ist, ihn mit dem Syphilis-Erreger infiziert zu haben. Was den seinerseits davon Betroffenen zu einem fälligen medizinischen Test und einer anschließenden, langwierigen, ihn davon kurierenden Tablettenkur veranlasst. Während sein Partner in Portugal, den er seinerseits über eine solche Notwendigkeit informiert, in der Lage ist, sich einer Spritzenbehandlung mit Penicillin zu unterziehen, die in Bulgarien nicht verfügbar ist, aber im benachbarten Griechenland. Den Aufenthalt dort will der Erzähler jedoch aus beruflichen Gründen vermeiden. Vorziehend, sich zum Zweck der Abnabelung von Mitko des Aufenthalts in Warna zu bedienen, Um schließlich ohne ihn nach Sofia zurückzukehren, wohin Mitko ihm erst später folgt. Unter der Maßgabe, weitere Kontakt miteinander zu vermeiden. Was unterm Druck der  Verhältnisse jedoch nicht aufrechtzuerhalten ist.

Als bemerkenswert ist neben dem Inhalt auch die starke, bildhafte Sprache des Romans nachvollziehbar. Welche die amerikanische Bestsellerautorin Hanya Yanagihara („Ein bischen Leben“) als reine Poesie beschreibt. Beispielsweise dann wirksam, wenn der Autor die Kraft der Sonne mit der Wucht des Klangs von Kirchenglocken in Verbindung bringt. Auch die überwiegend als positiv nachvollziehbare Übersetzungsarbeit Daniel Schreibers ist zu unterstreichen. Auch im Rahmen des Rückgriffs des Erzählers auf seine Kindheit und Jugend, im zweiten Teil des Romans. Der deutlich macht, zerrütteten Familienverhältnissen zu entstammen, weil er nach der Trennung seiner Eltern beim Vater aufwächst und nur über einen gebrochenen Bezug zur Mutter verfügt. Während sich das Aufwachsen beim Vater als einzige Enttäuschung entpuppt. Verbunden mit der Erinnerung an einen gemeinsamen Aufenthalt unter einer Brause,  bei dem sich dem Vater der ihn peinlich berührende Eindruck einer Erektion des ihn umarmenden pubertären Sohnes vermittelt. Um diese Erfahrung und die heimliche Lektüre der  geheimen Tagebuchaufzeichnungen des Sohnes zum Anlass zu nehmen, sich in ihm mit einer verachtenswerten Schwuchtel konfrontiert zu erfahren, die er im Sohn verkörpert sieht.

Für den die Ablehnung des Vaters als roter Faden im Leben nachvollziehbar ist. Als einer im Rückblick auf sie beide, als Vater und Sohn, sie einander entfremdenden Erfahrung. Die sich  auch auf den Umgang mit einem Freund und Kameraden übertragen lässt, der sein Bett mit ihm teilt. Wobei jener die in Verbindung damit spürbare körperliche Nähe zum Anlass nimmt, zum Ausdruck zu bringen, dem nicht den geringsten Geschmack abzugewinnen, sondern mit starker körperlicher Abwehr darauf zu reagieren, weil ihm einfach schlecht davon ist. Als einer weiteren, den Erzähler spürbar traumatisierenden Erfahrung, und Ergebnis der Entschlossenheit des Kameraden, ihn auf hinterhältige Weise zum Zeugen des Beischlafs mit seiner Freundin zu machen, um ihm damit zu signalisieren,  die Gefühle seines Kameraden nicht zu teilen.

Im dritten Abschnitt des Romans ist von einem Besuch der Mutter in Bulgarien die Rede und von einer gemeinsamen Bahnfahrt quer durchs Land. Um den Erzähler und seiner Mutter die Bekanntschaft mit einem noch nicht Schulpflichtigen bulgarischen Knaben und dessen Großmutter zu vermitteln, die beide ein Abteil mit ihnen teilen. Die Begegnung mit dem lebhaften, um Aufmerksamkeit heischenden Knaben vermittelt dem Erzähler darüberhinaus den Eindruck, Mitko in ihm verkörpert zu erfahren, und zwar im Rückgriff auf ein Alter, in dem jenem noch alle Möglichkeiten offen stehen.

Als einer auch auf den Mitreisenden übertragbaren Erfahrung und Aussicht. Die nicht ausschließt, in einigen Jahren, im entscheidenden Alter, seinerseits keine andere Wahl zu haben, als sich denen in Bulgarien anzuschließen, die darauf angewiesen sind, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um andernorts in der EU über die Möglichkeit einer vielversprechenden beruflichen Zukunft und Existenz zu verfügen. Wozu Mitko der Zugang verwehrt ist. Mit dem unvermeidlichen Ergebnis, darauf angewiesen zu sein, sich mit der Unterstützung und finanziellen Zuwendung  zufälliger Freier über Wasser zu halten. Weil er keine andere Wahl hat, als darauf zu bauen, weil alle anderen Möglichkeiten ihm verschlossen sind. Darauf angewiesen, nach seiner Rückkehr nach Sofia erneut an der Möglichkeit anzuknüpfen, zu vermeiden die Quelle finanzieller Zuwendungen durch den Erzähler versiegen zu lassen. Als einem alles in allem wenig aussichtsreichen Unterfangen und Ergebnis der Aussichtslosigkeit seiner Lage. Die ihn damit konfrontiert, dass ihm offenbar einfach nicht zu helfen ist. Dank der ihn abgrundtief erschütternden Erkenntnis, dass der Graben zwischen ihnen kaum noch zu überbrücken ist.

Ausweglos darin verstrickt und an ein Schicksal gekettet, das dem Erzähler den Eindruck vermittelt, dass Mitko die Kontrolle über sein Leben entglitten ist, was nichts Gutes verspricht. Und genügt, um den Erzähler selbst mit der eigenen Zerrissenheit zu konfrontieren. Als Antwort auf Mitkos deprimierende Entwurzelung, angesichts der er sich außerstande sieht, Abhilfe zu schaffen. Gipfelnd im Abschied nehmenden Blick auf ihn hinab, der an der nächsten Bushaltestelle auf Anschluss in die Stadt wartet. Nachdem er betrunken über die Schwelle des Amerikaners und jenem in die Arme stolpert, um ihn mit der Aussichtslosigkeit seiner Lage bekannt zu machen, als Folge einer unheilbaren und darum tödlichen Lebererkrankung. Unterm Blick des Freundes auf ihn hinab, mit dem Anblick einer jungen intakten Familie konfrontiert – als Vater, Mutter und Kind – die den Abstand zu ihm noch unterstreichen. Weil sie für ihn die gesellschaftlich sanktionierte Norm verkörpern, dem Mitkos Wirklichkeit diametral widerspricht. Weshalb ihm einfach nicht zu helfen ist. Als dem absolut deprimierenden Höhepunkt und abrupten Schluss einer Erzählung, die dem Autor in einem Interview auf Spiegel Online dazu dient, auf ihren autobiographischen Charakter aufmerksam zu machen.

Und darauf, dass die „Akzeptanz von LGBTI*Menschen“ damit erkauft wird, dass sie sich als „heteronormativ und neoliberal“ an die bestehenden Verhältnisse anpassen, als Teil einer Mehrheitsgesellschaft, deren Charakter es entspricht, andere auszugrenzen. Auf deren Kosten sich ein solcher Prozess abspielt, als Menschen „mit HIV/Aids, Obdachlose oder Trans*Menschen“ , die sich nicht dafür anbieten, sie unmittelbar einzubeziehen.

Verbunden mit Kritik des Autors daran, dass „queere, schwarze, weibliche und Trans*Menschen keine Rolle spielen. In deren Kreis im weitesten Sinn auch Mitko einzubeziehen ist. Während das Problem des Erzählers, als “ Angehöriger des weißen, schwulen, männlichen Establishments“ darin besteht, keinen Blick für das Leben der anderen zu haben, als solchem ohne „Würde und Wert“.

Sie  selbst sind es, welche die achtjährige Präsidentschaft Obamas verschlafen haben. Um der Präsidentschaft Trumps Vorschub zu leisten, der sie gewaltsam und brutal aus ihrem Dornröschenschlaf wach geküsst hat. Während sie den Sieg der Ehe für alle, als ihren Erfolg feiern. Gegen die „Mehrheit queerer Familien im Süden der USA, als People of Color, Frauen“ zumal, für die die Öffnung der Ehe als Familienform die Gefahr des Verlusts des Sorgerechts ihrer Kinder in sich birgt. Wie es der Autor in seinem Interview auf Spiegel Online als Kritik daran zum Ausdruck bringt. Um auch den Erzähler seines Romans, im weitesten Sinne also auch sich selbst, mit einzubeziehen.

Anknüpfend an der eigenen Jugend in Kentucky. Dort 1978 geboren und aufgewachsen. Also in einem der Staaten der USA deren Bewohner sich bei den Präsidentschaftswahlen in ihrer überwiegenden Mehrheit, zu 60% für Trump als ihren Kandidaten entschieden haben. Während sich der Autor selbst dazu bekennt, dass ihm nur eine dunkle Ecke queerer Literatur in einer entlegenen und verschlafenen Provinzbuchhandlung das Leben gerettet hat.

 

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